Auf einer Straße in Gaza-Stadt stehen Autos in Flammen, die bei einem Luftangriff durch Israel getroffen wurden. | AFP

Eskalation in Nahost Raketen im Minutentakt

Stand: 11.05.2021 20:17 Uhr

Erst herrschte die Gewalt auf Jerusalems Straßen, nun nimmt sie zunehmend die Form der Kriegsführung zwischen Israel und militanten Palästinensern an. Beide Seiten nehmen sich unter Beschuss. Es gibt bereits Tote und Verletzte.

Nach tagelangen gewaltsamen Zusammenstößen in Jerusalem artet der Konflikt zwischen Israel und militanten Palästinensern in eine militärische Auseinandersetzung aus. Israel steht unter dauerhaftem Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen und reagiert seinerseits mit Luftangriffen.

Militante Palästinenser feuerten innerhalb eines Tages rund 480 Raketen ab. Davon wurden etwa 200 abgefangen und 150 schlugen beim Start fehl, teilte das israelische Militär mit. Im Schnitt hätte die palästinensische Seite teils alle drei Minuten eine Rakete abgefeuert. Einige hätten das rund 100 Kilometer entfernte Jerusalem erreicht. Die radikalislamische Hamas und andere militante Palästinensergruppen hatten am Montagabend mit dem Beschuss begonnen.

Israel reagierte seinerseits mit Luftangriffen, für die sowohl Kampfflugzeuge als auch Drohnen eingesetzt worden seien. Laut Militärangaben wurden 150 Vorrichtungen zum Abschuss von Raketen attackiert. Im Gazastreifen hätte die Armee Produktionsstätten für Raketen, Trainingslager der militanten Gruppierungen, militärische Stellungen und zwei Tunnel unter Beschuss genommen. Premierminister Benjamin Netanyahu kündigte an, dass die Angriffe ausgeweitet werden sollen.

Schwankende Opferzahlen

Wie die Nachrichtenagentur dpa berichtete, wurde unter anderem auch ein 13 Stockwerke hohes Wohnhaus in Gaza-Stadt getroffen, in dem sich auch Mitglieder einer extremistischen Palästinenserorganisation aufgehalten haben sollen. Augenzeugen und Rettungskräften zufolge kamen durch den Beschuss mindestens drei Menschen ums Leben, mehrere Menschen seien verletzt worden.

Wie viele Menschen im Gazastreifen insgesamt durch die israelischen Angriffe getötet wurden, ist noch unklar. Ein Armeesprecher sagte, mindestens 15 Mitglieder der Hamas und des "Islamischen Dschihads" seien getötet worden. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza starben im Zuge der Gewalt bislang 28 Menschen, darunter zehn Kinder.

Auf israelischer Seite wurden zwei Frauen durch Raketen aus dem Gazastreifen getötet. Wie der israelische Rettungsdienst Magen David Adom mitteilte, starben die beiden Frauen in der Küstenstadt Aschkelon. Ein Sprecher machte Raketenangriffe aus dem Palästinenser für die Todesfälle verantwortlich. Der Rettungsdienst Zaka berichtete von massivem Beschuss mit Dutzenden Raketen binnen kurzer Zeit - offenkundig mit dem Ziel, das israelische Abwehrsystem Iron Dome (Eisenkuppel) zu überlasten.

"Wir sind bereit für eine Eskalation"

Das israelische Militär sprach von Mitgliedern der Hamas, die durch die eigenen Angriffe getötet worden seien. Jonathan Conricus, Sprecher der israelischen Streitkräfte, betonte, Israel tue alles, um "Kollateralschäden zu vermeiden". Es gebe keine Beweise, dass durch die Luftangriffe im Gazastreifen auch Zivilisten getötet worden seien.

Wie zuvor bereits Israels Premierminister Benjamin Netanyahu stellte auch Conricus in Aussicht, dass die Gefechte länger andauern könnten: "Wir befinden uns in der Anfangsphase unserer Reaktion gegen militärische Ziele im Gazastreifen. Wir sind bereit für eine Eskalation." Conricus warf der palästinensischen Seite vor, die Angriffe lange geplant zu haben.

Israels Verteidigungsminister Benny Gantz genehmigte die Mobilisierung von etwa 5000 Reservisten, die die Streitkräfte unterstützen sollen. Nach Angaben der ARD-Korrespondenten Susanne Glass und Tim Aßmann verstärkt Israel seine Truppen an der Grenze zum Gazastreifen. Mehrere Konvois seien auf dem Weg gen Süden.

Hunderte Verletzte bei Zusammenstößen in Jerusalem

Die Hamas hingegen begründete ihren Raketenbeschuss Israels damit, er sei eine Reaktion auf die "Verbrechen und Aggression gegen die heilige Stadt" durch den "Feind Israel". Der Angriff sei eine "ausgleichende Vergeltung". Hier war es in den vergangenen Tagen zu immer drastischeren Zusammenstößen zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften gekommen, bei denen Hunderte Menschen verletzt wurden.

Auslöser waren unter anderem von israelischen Behörden angedrohte Zwangsräumungen der Wohnungen und Häuser palästinensischer Familien im Stadtviertel Scheich Dscharrah und die Absperrung des Tempelbergs in der Altstadt durch die Polizei.

Der Tempelberg mit dem Felsendom und der Al-Aksa-Moschee ist die drittheiligste Stätte im Islam. Zugleich standen dort früher zwei jüdische Tempel, von denen der letzte im Jahr 70 von den Römern zerstört wurde. Die Klagemauer ist ein Überrest jenes zerstörten Tempels und die heiligste Stätte der Juden.

Bundesregierung verurteilt Raketenbeschuss

Mehrere Staaten weltweit riefen dazu auf, die Gewalt im Nahen Osten zu beenden. Die Bundesregierung verurteilte den Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen "auf das Schärfste", teilte ein Sprecher mit. Es handele sich "um eine durch nichts zu rechtfertigende Eskalation in einer angespannten Lage". Zuvor hatte bereits Bundesaußenminister Heiko Maas betont, "alle Seiten stehen in der Pflicht, weitere Opfer unter Zivilisten zu verhindern".

Auch die USA hatten die "Eskalation" zwischen Israel und dem Gazastreifen scharf kritisiert. Der UN-Sicherheitsrat hatte in einer Dringlichkeitssitzung über den neu aufgeflammten Konflikt beraten. Die Mitglieder konnten sich aber nicht auf eine gemeinsame Erklärung einigen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 11. Mai 2021 um 14:00 Uhr.