Ein Videoloop ist in München (Bayern) bei der Vorbesichtigung des Erinnerungsortes an das Attentat von 1972 auf die israelische Olympiamannschaft zu sehen (Archivbild). | dpa

Boykott der Gedenkfeier zu Olympia 1972 "Kein Grund, Danke zu sagen"

Stand: 01.06.2022 03:28 Uhr

Die Angehörigen der Opfer des Anschlags bei den Olympischen Spielen 1972 in München wollen nicht zur Gedenkfeier angesichts des 50. Jahrestages kommen. Bei dem Streit geht es auch um die Entschädigungsfrage.

Von Tim Aßmann, ARD-Studio Tel Aviv

Ankie Spitzer war 26, frisch verheiratet, junge Mutter und glücklich - als der Anschlag von München ihr Leben für immer veränderte. Ihr Mann Andre, ein Fechter, war einer der elf israelischen Sportler, die brutal ermordet wurden.

Tim Aßmann ARD-Studio Tel Aviv

Seit Jahrzehnten kämpft Ankie um Aufklärung, um Anerkennung für die Opfer und für die, die sie zurück gelassen haben. Zur Gedenkfeier Anfang September in München wollte Ankie Spitzer gemeinsam mit anderen Angehörigen der Ermordeten reisen.

Wir wurden eingeladen und natürlich würden wir kommen, wenn es einen Grund zum Dank gäbe. Ich soll dort sprechen und kann mir nicht vorstellen, da zu stehen und zu sagen: Vielen Dank für alles was getan wurde. Nein. Deutschland hat gar nichts getan.

Schwere Vorwürfe an deutsche Sicherheitsbehörden

Die Opferfamilien machen die deutschen Sicherheitsbehörden mit dafür verantwortlich, dass die Geiselnahme in einem Blutbad auf dem Flughafen von Fürstenfeldbruck endete.

Alles ging schief in München. Jeder duckte sich weg. Keiner wollte Verantwortung tragen. Bis heute, 50 Jahre später, hat keiner mal gesagt: 'Es tut uns leid. Wir haben falsch entschieden. Wir waren inkompetent'. Sie waren arrogant und haben uns die ganze Zeit gedemütigt.

In ihrem Wunsch, die Vorgänge rund um den Anschlag aufzuklären, fühlen sich die Opferangehörigen von den deutschen Behörden behindert, auch weil ihnen bis heute Dokumente zugespielt werden, die ihnen von offiziellen Stellen nicht gegeben wurden.

Frage der Entschädigung der Opferfamilien

Wenn Ankie Spitzer darüber spricht, brechen sich Wut und Enttäuschung Bahn. Sie kann und will das nicht von der Gedenkfeier im September trennen.

Ich denke, hauptsächlich geht es darum, das nationale Gewissen zu beruhigen, in dem man sagen kann: 'Schaut: Wir waren nett und haben dieses Gedenken organisiert.' Wir wollten kommen und hofften wirklich, dass jemand sagt: Wir haben Fehler gemacht.

Zu einem Eingeständnis der Mitverantwortung gehört für Ankie Spitzer auch die Frage der Entschädigung der Opferfamilien. Direkt nach dem Anschlag wurde über das Rote Kreuz eine Million Mark ausgezahlt. Erst 30 Jahre später, 2002, nachdem die Angehörigen zum Teil auch Gerichte eingeschaltet hatten, zahlte Deutschland insgesamt drei Millionen Euro.

Die Zahlung wurde offiziell als Geste und nicht als Entschädigung bezeichnet. Nach Abzug von Anwaltskosten und Gerichtsgebühren blieben noch 920.000 Euro, die sich 34 Angehörige teilen mussten, erzählt Ankie Spitzer und erinnert dann an den Bombenanschlag gegen eine "PanAm"-Maschine Ende der 80er Jahre.

Wenn man sich anschaut, dass im Fall Lockerbie jede Familie 10 Millionen Dollar erhielt - warum haben wir so gut wie nichts bekommen? Warum?

Entschädigung mit libyschem Geld?

Im Fall Lockerbie steckte Libyen hinter dem Anschlag und musste zahlen. Auch bei der Geiselnahme von München führen die Spuren ins Libyen des damaligen Herrschers und Terror-Unterstützers Ghaddafi.

Deshalb, so der Vorschlag der Familien der Opfer von München, könnten sie nun mit libyschem Geld entschädigt werden, das nach Ghaddafis Ende eingefroren wurde und auf deutschen Konten liegt. Die Bundesregierung müsste dieses Vorhaben aber unterstützen, erklärt Ankie Spitzer. Die Opferfamilien wandten sich mit dieser Bitte an Deutschlands Außenministerin Annalena Baerbock.

Alles, was wir von Ministerin Baerbock wollten, war Deutschlands Unterstützung für unsere Anfrage. Deutschland müsste nicht selbst zahlen, könnte das eingefrorene Geld nehmen. Wenn Deutschland uns nicht dabei helfen kann, an das libysche Geld zu kommen, muss es selbst zahlen, denn es ist Zeit für eine gerechte Entschädigung nach internationalen Standards.

Bundesregierung: Verfahren abgeschlossen

Aus Kreisen der Bundesregierung heißt es zu diesem Wunsch der Opfer-Angehörigen nur, die rechtlichen Verfahren, auch zur Entschädigungsfrage, seien abgeschlossen. Wenn es bei dieser Position bleibt, will Ankie Spitzer nicht zur Gedenkfeier nach München kommen, auch wenn ihr das für die Organisatoren der Veranstaltung leid tut.

Glücklicherweise haben wir es heute mit einer völlig anderen Generation zu tun, die uns mit der Errichtung der wunderbaren Gedenkstätte im olympischen Dorf geholfen hat und die mit den besten Absichten nun diese Gedenkfeier organisiert. Aber kein Politiker hat den Mut, sich hinzustellen und zu sagen: Es reicht. Lasst uns endlich das Richtige tun.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 01. Juni 2022 um 06:37 Uhr.