Yona Josef, die aus dem Jemen nach Israel kam, verlor ihre vierjährige Schwester Saada, die sie in einer Klinik abgeben sollte. | AP

Jemenitische Juden in Israel Für immer getrennt, spät entschädigt

Stand: 25.02.2021 11:27 Uhr

In seinen ersten Jahren trennte der Staat Israel Eltern und Kinder jemenitischer Herkunft - die meisten sahen einander nie wieder. Nun will die Regierung sie entschädigen. Betroffenen reicht das nicht.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Sie waren Flüchtlinge, die im jungen Staat Israel auf Sicherheit hofften. Doch für einen Teil der jüdischen Einwanderer aus dem Jemen begann die Zeit in der neuen Heimat mit der wohl schlimmsten Erfahrung, die Eltern machen können: Sie wurden von ihren Kindern getrennt.

Benjamin Hammer ARD-Studio Tel Aviv

"Ich saß da und hielt mein Baby fest", sagt eine alte Dame in einem Archivbeitrag des israelischen Senders KAN. "Sie forderten mich auf, ihnen mein Baby zu geben. Ich sagte Nein. Sie forderten mich wieder auf. Ich hielt mein Baby noch fester. Eine Frau kam auf mich zu, löste meine Arme. Eine andere riss mein Baby weg."

Die Begründung: Der Staat wollte die Kinder schützen

Etwa 1000 Kleinkinder - manche gehen sogar von 5000 aus - wurden von 1948 bis 1954 von ihren Eltern getrennt, ganz offiziell durch den Staat Israel. Die meisten betroffenen Familien stammten aus dem Jemen. In jener Zeit kamen sehr viele Einwanderer und Flüchtlinge aus arabischen Ländern nach Israel. Der junge Staat war überfordert. Viele Einwanderer lebten unter sehr schlechten Bedingungen. In dieser Lage wollte der Staat die Babys schützen, so die offizielle Begründung: Raus aus den Flüchtlingslagern, rein in vernünftige Unterkünfte.

Doch die angebliche Fürsorge kam für die Eltern häufig einer Entführung gleich. Ihre Kinder sahen sie in der Regel nie wieder. "Sie haben ja keine Ahnung, wie sehr ich meinen Sohn vermisse", sagt die alte Dame in dem Beitrag. "Wenn ich ihn jetzt sehen könnte, wüsste er gar nicht, wer ich bin. Ich könnte ihn aber wenigstens spüren, umarmen, küssen und ihm sagen, dass er mein Sohn ist."

Deutlich wie noch nie hat die israelische Regierung nun ihr Bedauern über die Vorfälle zum Ausdruck gebracht. Es sei an der Zeit, dass der Staat den Familien Anerkennung entgegenbringe, sagte Premierminister Benjamin Netanyahu. Er wies das Bildungsministerium an, dafür zu sorgen, dass die Vorfälle in Schulbüchern besprochen werden.

Außerdem sollen die Familien eine Entschädigung erhalten. Umgerechnet 37.000 Euro für jene, die damals über den Tod ihrer Kinder informiert wurden, 50.000 Euro in Fällen, in denen das Schicksal der Kinder ungeklärt ist. Viele verstarben nach offiziellen Angaben aufgrund der schlechten Lebensbedingungen. Im Raum steht jedoch auch der Vorwurf, dass Kinder illegal von europäischstämmigen Juden adoptiert wurden.

"Hier geht es um die Frage, ob wir ein Volk sind"

Der Historiker Rafi Shubeli, der selbst Vorfahren aus dem Jemen hat, setzt sich seit Jahren für die betroffenen Familien ein. Bis heute sei die Geschichte der jemenitischen Kinder in Israel eine Art Tabu-Thema.

"Diese Ereignisse widersprechen den Fundamenten des Zionismus. Dem jüdischen Nationalismus", sagt er. "Hier geht es um die Frage, ob wir ein Volk sind, in dem alle gleich sind, oder mehrere ethnische Gruppen. Wenn eine Gruppe innerhalb Israels Verbrechen gegen eine andere jüdische Gruppe verübt, kommt das einem Erdbeben gleich." 

Viele Israelis, die aus dem Jemen stammen, seien bis heute traumatisiert, sagt Shubeli. Die Sache stehe weiterhin zwischen den orientalischen und den europäischen Juden des Landes.

Der Historiker streitet für die Betroffenen auch vor Gericht. Das Bedauern der Regierung akzeptiert er wie viele nicht; ebensowenig wie die Entschädigungszahlungen: "Die Regierung muss die Verantwortung übernehmen", sagt er. "Eingestehen, dass der Staat diese Kinder unter Zwang von ihren Müttern getrennt hat."

Mehrere Untersuchungskommissionen des Staates erkannten zwar an, dass Kinder von ihren Eltern getrennt wurden. Eine systematische und geplante Entführung der Kinder durch den Staat stellten sie jedoch nicht fest. Shubeli - der Historiker, dessen Familie aus dem Jemen stammt - bleibt bei seiner Kritik.  "Rassismus muss klar benannt werden", fordert er. "Zu sagen: 'Es gab Leid und es tut uns leid' - das reicht einfach nicht."