Nach einem israelischen Luftangriff ist ein Feuerball über der Stadt Gaza zu sehen. | AFP

Luftangriffe und Raketenbeschuss Lage in Nahost eskaliert weiter

Stand: 07.08.2022 00:00 Uhr

Die Gewalteskalation im Nahen Osten findet kein Ende. Während Israel erneut Angriffe im Gazastreifen fliegt, feuern militante Palästinenser Raketen Richtung Israel. Das Ausland reagiert besorgt, der UN-Sicherheitsrat will sich zu Beratungen treffen.

Im Nahen Osten ist es zur schwersten Gewalteskalation zwischen Israel und militanten Palästinensern seit mehr als einem Jahr gekommen. Die israelische Armee fliegt seit Freitag Luftangriffe im Gazastreifen, bei denen nach Armee-Angaben 15 Extremisten getötet wurden, darunter ein Anführer der militanten Palästinenserorganisation Islamischer Dschihad (PIJ). Militante Palästinenser wiederum beschießen den Süden Israels massiv mit Raketen. Nach israelischen Militärangaben wurde eine dieser Raketen fehlgeleitet und tötete mehrere Zivilisten im Gazastreifen, darunter Kinder.

Offenbar will Ägypten nun schlichten. Eine Delegation sei bereit zur Vermittlung nach Israel und Gaza zu reisen, wie die Nachrichtenagentur dpa aus Sicherheitskreisen in Kairo erfuhr. Ziel sei es, eine Ausweitung des Konflikts wie im vergangenen Jahr zu verhindern. Berichten aus Gaza zufolge sollen sich auch die Vereinten Nationen und Katar um Vermittlung bemühen.

UN-Sicherheitsrat soll zu Luftangriffen beraten

Die Luftangriffe sollen am Montag auch den UN-Sicherheitsrat in New York beschäftigen. Aus Diplomatenkreisen hieß es, dass ein Treffen des mächtigsten Gremiums der Vereinten Nationen von den Vereinigten Arabischen Emiraten, Irland, Frankreich, Norwegen und China angefragt worden sei. Eine Uhrzeit stand zunächst noch nicht fest. Das Treffen soll hinter verschlossenen Türen stattfinden.

Karte Israel mit Westjordanland und Gazastreifen

Laut Palästinensern mindestens 24 Tote

Das israelische Militär hatte am Freitag nach Drohungen über Angriffe auf israelische Zivilisten die Militäraktion "Morgengrauen" mit mehreren Luftangriffen auf den Gazastreifen gestartet. Ziel der Angriffe war die PIJ, die nach der Hamas die zweitstärkste militärische Kraft in Gaza ist. Dabei wurden Militärchef Taisir al-Dschabari und weitere PIJ-Mitglieder getötet. Die eng mit Israels Erzfeind Iran verbundene Gruppe wird von der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft. Al-Dschabari war dem Militär zufolge verantwortlich für Raketenangriffe aus dem Küstenstreifen und geplante Angriffe auf Zivilisten.

Die Zahl der Opfer der israelischen Luftangriffe ist nach palästinensischen Angaben seit Freitag weiter gestiegen. Mindestens 24 Menschen seien getötet und 203 verletzt worden, teilte das palästinensische Gesundheitsministerium am Abend mit. Unter den Toten seien sechs Kinder und zwei Frauen.

Mehrere Festnahmen im Westjordanland

Nach Angaben aus palästinensischen Sicherheitskreisen wurden bei den Angriffen am Samstag drei Wohnhäuser getroffen. Ein fünfstöckiges Wohnhaus westlich von Gaza-Stadt sei demnach zerstört worden. Anwohner berichteten, dass israelische Drohnen zuvor eine Warnrakete auf das Gebäude abfeuerten, bevor Kampfjets das Gebäude angriffen.

Das israelische Militär teilte mit, dass bei der Militäroperation lediglich Waffenproduktionsstätten, Raketenabschussanlagen, Waffenlager und weitere Miliäranlagen zerstört worden seien. Berichte über getötete Zivilisten seien bekannt und würden untersucht, sagte ein Vertreter des Militärs. In der Nacht auf Samstag kam es zudem zu mehreren Festnahmen im Westjordanland in Zusammenhang mit dem Islamischen Dschihad.

Internationales Fußballspiel abgesagt

In mehreren Städten Israels waren auch heute Warnsirenen zu hören. Mehr als 300 Raketen sollen einem Vertreter des Militärs zufolge seit Freitagabend auf Israel abgefeuert worden sein. Sie gingen demnach auf offenem Gelände nieder oder wurden vom Raketenabwehrsystem Iron Dome abgefangen. Teilweise landeten sie noch im Gazastreifen.

Mehrere Städte, darunter auch die Küstenstadt Tel Aviv, öffneten aus Sorge vor weiteren Attacken öffentliche Luftschutzräume. Im Süden verbrachten dort zahlreiche Menschen die Nacht auf Samstag. Ein Testspiel zwischen Juventus Turin und Atlético Madrid in Tel Aviv wurde wegen Sicherheitsbedenken abgesagt. Auch im Großraum Tel Avivs wurden die Menschen vor Raketen gewarnt.

Raketen werden aus dem Gazastreifen abgefeuert. | dpa

Am Nachthimmel waren die Raketen aus dem Gazastreifen gut zu sehen. Bild: dpa

Energieversorgung im Gazastreifen gedrosselt

In Gaza wurde unterdessen aus Treibstoffmangel das einzige Kraftwerk abgeschaltet. Die Stromversorgung in dem Küstengebiet mit mehr als zwei Millionen Einwohnern wurde laut Stromgesellschaft von zwölf auf vier Stunden reduziert. Israel hatte am Montag die Einfuhr von Treibstoff in das Gebiet gestoppt und dies mit der Angst vor Angriffen nach der Festnahme eines Anführers des Islamischen Dschihads im Westjordanland, Bassem Saadi, begründet.

Israel hatte nach Saadis Festnahme über mehrere Tage hinweg Gebiete am Rande des Gazastreifens abgesperrt und die Alarmbereitschaft erhöht. Vor den israelischen Luftangriffen am Freitag soll es Berichten zufolge konkrete Pläne eines Angriffs auf israelische Zivilisten gegeben haben.

Ende des Konfliktes nicht in Sicht

Der Islamische Dschihad scheint einem Bericht zufolge vorerst nicht bereit zu einer Waffenruhe. "Unsere höchste Priorität ist jetzt, uns gegen die Besatzung zu wehren, der Aggression entgegenzutreten und auf diesen Terror und diese Attacken auf unser Volk zu antworten", sagte der Sprecher der Organisation, Dawud Schihab, dem Fernsehsender Al-Majadin. Experten zufolge ist nun entscheidend, wie die Hamas auf die Angriffe reagiere.

Israels Verteidigungsminister Benny Gantz sagte: "Unsere operativen Aktivitäten gegen die Urheber des Terrorismus werden fortgesetzt und intensiviert". Das Militär teilte mit, sich auf eine einwöchige operative Tätigkeit einzustellen. Für den Abend ist eine Sitzung des Sicherheitskabinetts einberufen worden.

Ein Sprecher der EU teilte mit, man verfolge die Ereignisse mit großer Sorge und rufe alle Seiten zu größter Zurückhaltung auf. "Israel hat zwar das Recht, seine Zivilbevölkerung zu schützen, doch muss alles getan werden, um eine Ausweitung des Konflikts zu verhindern."

Bereits im vergangenen Jahr heftiger Konflikt

Israels Streitkräfte hatten sich bereits im vergangenen Jahr einen elftägigen Konflikt mit militanten Palästinensern im Gazastreifen geliefert. Nach palästinensischen Angaben starben damals 255 Menschen, in Israel kamen nach israelischen Behördenangaben 13 Menschen ums Leben. Mehr als 4000 Raketen wurde nach israelischen Angaben aus dem Gazastreifen abgefeuert. Ägypten vermittelte schließlich eine Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas.

Während des Sechstagekrieges 1967 hatte Israel unter anderem das Westjordanland und den Gazastreifen erobert. Die Hamas hatte 2007 gewaltsam die Macht an sich gerissen. Israel verschärfte daraufhin eine Blockade des Gebiets, die von Ägypten mitgetragen wird. Beide Staaten begründen die Maßnahme mit Sicherheitsinteressen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 06. August 2022 um 20:00 Uhr.