Gilad Schalit salutiert vor Israels Premier Netanjahu (Archivbild, 2011) | dapd

Freilassung vor zehn Jahren Gilad Schalit - ein wertvoller Gefangener

Stand: 18.10.2021 04:00 Uhr

Vor zehn Jahren kehrte der israelische Soldat Gilad Schalit in seine Heimat zurück - nach fünf Jahren in Hamas-Gefangenschaft. Für ihn kamen rund 1000 Palästinenser frei. Einen solchen Austausch würde die Hamas gern wiederholen.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Im Oktober 2009 geht ein Video um die Welt. Es zeigt einen jungen Mann, der ein grünes Hemd trägt, das ein eine Uniform erinnert. "Ich bin Gilad, der Sohn von Aviva und Noam Schalit. Heute ist Montag, der 14. September 2009. Wie Sie sehen können, halte ich in meinen Händen die heutige Ausgabe der Zeitung 'Palästina', veröffentlicht in Gaza."

Benjamin Hammer ARD-Studio Tel Aviv

Zu jenem Zeitpunkt war der israelische Soldat bereits drei Jahre in der Gefangenschaft der Hamas. Gilad Schalit war 19 Jahre alt, als er im Jahr 2006 an der Grenze zum Gazastreifen seinen Armeedienst leistete. Militante Palästinenser gelangten durch einen Tunnel nach Israel, griffen einen Armeeposten an und verschleppten den jungen Soldaten in den Gazastreifen.

Es folgten: Zähe Verhandlungen. Proteste von Gilad Schalits Familie, die mehr Einsatz von der israelischen Regierung verlangte. Und große Kontroversen in der israelischen Gesellschaft. Denn der Preis, den Israel für die Freilassung des Soldaten zahlte, war hoch. 1027 palästinensische Gefangene, darunter Häftlinge, die für tödliche Terrorangriffe verurteilt worden waren, wurden für Schalit freigelassen. An den Verhandlungen war auch ein Mitarbeiter des deutschen Bundesnachrichtendienstes beteiligt.

"Die Zeit dort war hart und sehr lang"

Vor genau zehn Jahren landete ein Militärhubschrauber auf einer Basis im Zentrum Israels. Ein Video zeigt, wie der damalige Premierminister Benjamin Netanyahu zur Ladeluke des Helikopters schreitet. Ein sehr bleicher, abgemagerter junger Mann erscheint und salutiert: Gilad Schalit, nach fünf Jahren Gefangenschaft.

Zehn Jahre später: Einer der eher seltenen öffentlichen Auftritte von Gilad Schalit. Er ist jetzt Mitte 30. Der israelische Fernsehkanal 12 zeigt, wie er auf eine Gruppe von Holocaust-Überlebenden trifft. "Ich konnte damals im Gazastreifen israelisches Radio hören. Das war sehr schwierig, weil Berichte über Verhandlungen häufig mit Enttäuschungen endeten. Die Zeit dort war hart und sehr lang. Aber wie ihr seht, geht es mir heute gut. Ich arbeite und führe ein ganz normales Leben."

Kommt bald ein weiterer Austausch?

Zehn Jahre nach der Freilassung von Schalit rücken vier Israelis in den Fokus, die sich wohl noch im Gazastreifen befinden: Zwei Zivilisten, die 2014 - wohl aufgrund psychischer Problemen - in den Gazastreifen gingen. Und die Leichname zweier im Gazastreifen getöteter Soldaten.

Die Hamas habe ein großes Interesse an einem erneuten Deal, meint der palästinensische Politikprofessor Mukhaimar Abu Saida: "Die Hamas will ihre aktuelle Popularität in der Bevölkerung erhalten. Ein Mittel, um das zu schaffen, ist ein weiterer Gefangenenaustausch mit Israel. Die Frage ist aber: Ist Israel in der Lage, einem solchen Austausch zuzustimmen?" Abu Saida ist skeptisch: Denn die Freilassung vieler palästinensischer Gefangener würde die Hamas im innerpalästinensischen Machtkampf mit der Fatah-Bewegung stärken. Mit der arbeitet Israel indirekt zusammen.

Israel strebt anderen Weg an

Auch der Journalist Judah Ari Gross von der Times of Israel zweifelt. Viele palästinensische Häftlinge, die vor zehn Jahren für Gilad Schalit freigelassen wurden, hätten sich erneut Terrororganisationen angeschlossen. "Israel will nicht zurück zu einem klassischen Austausch von Gefangenen. Es setzt daher auf ein neues Modell: Israel will den Wiederaufbau des Gazastreifens an die Freilassung der Israelis koppeln. Ich bin aber nicht sicher, ob die Hamas dies aktuell akzeptieren wird."

Der israelische Journalist glaubt, dass militante Palästinenser erneut versuchen könnten, einen israelischen Soldaten zu entführen. Weil ein Israeli in den Händen der Hamas - so zynisch es klingt - sehr wertvoll sei.

Über dieses Thema berichtete BR5 am 18. Oktober 2021 um 09:50 Uhr.