Spaziergänger am Strand von Tel Aviv (Israel) | AFP
Weltspiegel

Israel und das Coronavirus Wieder verletzbar - und doch gelassen

Stand: 18.07.2021 12:55 Uhr

Mehr als 60 Prozent der 9,3 Millionen Israelis sind vollständig geimpft - doch die Delta-Mutante macht das Land wieder verletzbar. Denn BioNTech/Pfizer bietet nur zu 64 Prozent Schutz. Nun soll die dritte Impfdosis kommen.

Von Susanne Glass, ARD-Studio Tel Aviv

Die verwackelten Handybilder sorgten in Israel für Furore: Sie zeigen eine Klassenparty zum Abschluss der Schuljahres. Junge Frauen und Männer tanzen, lassen Luftballons steigen. Diese Party war ein Corona-Superspreading-Event. Mehr als 80 Menschen steckten sich an diesem Abend an - alle bei demselben Mitschüler.

Susanne Glass ARD-Studio Tel Aviv

Dabei galt die Pandemie in Israel vor kurzem noch als besiegt. Die Zahl der täglichen Neuinfektionen lag bei unter 10. Die Regierung hatte alle Beschränkungen aufgehoben. Die Party machte wegen ihrer Infektionskette Schlagzeilen. Der junge Mann, der alle angesteckt hat, war vollständig geimpft. Er selbst hatte sich bei einem ebenfalls geimpften Angehörigen infiziert. Dieser wiederum war von einer geimpften Person angesteckt worden, die aus London eingereist war.

Auf die Impfquote vertraut

Ansteckung trotz Impfung - die Delta-Mutante macht Israel wieder verletzbar. Dabei war man im "Impfweltmeisterland" stolz darauf, dass mehr als 60 Prozent der 9,3 Millionen Bewohnerinnen und Bewohner den vollständigen Impfschutz haben. Alle mit BioNTech/Pfizer und viele schon seit Dezember oder Januar - also seit mehr als einem halben Jahr.

Diese Zeitspanne könnte Teil des Problems sein, sagt Professor Arnon Afek vom Sheba-Krankenhauses in Tel Aviv: "BioNTech/Pfizer schützt gegen die Alpha-Variante mit mehr als 90 Prozent. Gegen Delta aber nur noch zu 64 Prozent. Unsere Studien zeigen auch, dass viele, die bereits im Dezember oder Januar geimpft wurden, nur noch wenige oder gar keine Antikörper mehr haben." Trotzdem setzt der Experte im Kampf gegen die Pandemie weiterhin auf die Impfung und warnt vor Panik. "Ich glaube, dass auch bei Geimpften, bei denen keine Antikörper mehr nachweisbar sind, die Erinnerung an die Immunabwehr in den Zellen gespeichert bleibt. Damit können diese im Falle einer Erkrankung viel besser dagegen ankämpfen."

Tatsächlich ist die Zahl der täglichen Neuinfektionen auf 750 gestiegen, aber darunter waren nur sehr wenige starke Fälle. Das Fazit der israelischen Studien: Die Impfung ist bei Delta durchlässiger, verhindert aber mit mehr als 90 Prozent schwere Krankheitsverläufe.

Teststationen am Flughafen Ben Gurion

Mehr Tourismus bedeutet auch: eine höhere Infektionsgefahr. Am Flughafen Ben Gurion wurden deshalb viele Testkabinen eingerichtet.

Die dritte Impfung kommt

Als Reaktion hat Israel als erstes Land damit begonnen, immunschwachen Erwachsenen eine dritte Impfdosis anzubieten. "Das gilt bisher für Menschen mit Organtransplantationen oder Krebserkrankungen", sagt Professor Afek. "Aber ich bin sicher, dass die dritte Auffrischungsspritze schon bald für alle Geimpften kommt."

Parallel dazu werden die Impfungen der 12- bis 15-Jährigen mit speziellen Kampagnen vorangetrieben. So steht etwa direkt am Strand von Haifa ein buntbemalter Container, in dem sich Kinder ab zwölf Jahren impfen lassen können. Spontan, ohne Termin.

Teststation am Strand von Haifa (Israel)

So viel und so einfach impfen, wie möglich - auch in einem Container am Strand von Haifa.

Keine Überzeugungsnot

Das Angebot wird gut angenommen. Immer wieder bleiben Familien beim Strandspaziergang stehen. Die 14-jährige Linor Dibi ist mit ihren Eltern und dem kleinen Bruder Liam vorbeigekommen. Linor zögert keine Sekunde: "Ich will mich endlich wieder sicher fühlen." Der neunjährige Liam blickt ihr neidisch nach, als sie im Container verschwindet.

Am Strand wehen an diesem Tag die schwarzen Fahnen, die besagen, dass die Strömung zu stark und das Schwimmen deshalb untersagt ist. Auf großen Schildern wird das in Israel beliebte Matkot verboten, ein Strandball-Spiel. Direkt neben dem Verbotsschild spielen sich zwei junge Männer lautstark den Matkot-Gummiball mit ihren Holzschlägern zu. Im Wasser wimmelt es vor Leuten.

Israelis legen Verbote gerne lässig als Empfehlungen aus. Beim Umgang mit Corona wurde das zum Problem, weil sich längst nicht alle an Maskenpflicht oder Quarantäne-Regeln halten. Gleichzeitig ist die Disziplin beim Impfen hoch. Für Avi Cohen liegt das daran, dass die Impfkampagne militärisch straff organisiert wurde. "Wir sind Armee- und Krisenexperten. Wenn es darauf ankommt, setzen wir die Dinge effizient und ohne Verzögerung um."

Ballspiele am Strand von Tel Aviv | AFP

Israels Strände sind wieder voll - und Ballspiele gehören immer dazu. Bild: AFP

Eine Herausforderung an den Flughäfen

Avi Cohen hat selbst eine Militärkarriere hinter sich. Jetzt steht der große, bullige Mann auf dem Ben Gurion-Flughafen. Ein Fels in der Brandung Tausender An- und Abreisender. Er ist von der Regierung beauftragt, die Einschleppung des Virus zu verhindern. 92 Prozent aller Fernreisen laufen über den einzigen internationalen Airport. Cohen sagt, "Corona stellt an die Gesundheitschecks Anforderungen wie damals der Anschlag von 9/11 an die Sicherheitskontrollen."

Für Israel gelten strenge Einreiserestriktionen. Wer eine Genehmigung hat, muss nach der Gepäckausgabe zum PCR-Test und bis zum Ergebnis in häusliche oder Hotel-Quarantäne. Premier Naftali Bennett hat seine reisefreudigen Landsleute aufgefordert, besser im Land zu bleiben: "Wir gehen davon aus, dass die meisten Länder, für die ihr gerade Flugtickets bestellen wollt, bald zu 'roten Ländern' werden. Also kauft die Tickets erst gar nicht."

Die Israelis sollen lieber an den eigenen Stränden unter Verbotsschildern Matkot spielen - solange sie sich, was den Kampf gegen die Pandemie betrifft, disziplinieren.

Über dieses Thema berichtete die ARD in der Sendung Weltspiegel am 18. Juli 2021 um 19:20 Uhr.