Ein Mann bekommt seine dritte Corona-Impfung in Jerusalem. | REUTERS

Corona-Drittimpfungen Paradebeispiel Israel?

Stand: 01.11.2021 17:56 Uhr

Vor etwa zwei Monaten hatte Israel noch extrem viele Neuinfektionen. Jetzt liegt die Inzidenz unter 50. Tendenz: fallend. Hängt das mit den Booster-Impfungen zusammen, auf die die Regierung seit dem Sommer setzt?

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Im Corona-Testzentrum auf dem Rabin-Platz in Tel Aviv herrscht gähnende Leere. Nur ein paar Leute stehen im riesigen Zelt für einen PCR-Test an. Vor etwa zwei Monaten warteten die Menschen hier noch stundenlang. Israel hatte damals eine der höchsten Infektionsraten der Welt. Mittlerweile liegt die Sieben-Tage-Inzidenz unter 50. Tendenz: Weiter sinkend.

Benjamin Hammer ARD-Studio Tel Aviv

Ran Balicer leitet die Forschungsabteilung der israelischen Krankenkasse Clalit. Er ist davon überzeugt, dass die vielen Drittimpfungen zu einem Rückgang der Infektionsrate geführt haben. "Israel war der erste Staat, der mit ganzer Wucht die Folgen der nachlassenden Schutzwirkung nur fünf Monate nach der Impfung zu spüren bekam", sagt er. "Parallel dazu trat die sehr ansteckende Delta-Variante auf. Und so wurde Israel zum ersten Staat, der Auffrischungsimpfungen breit durchführte, um die Bevölkerung zu schützen."

Infektionszahlen nach Booster-Impfung gesunken

Etwa zehn Tage, nachdem die sogenannten Booster-Impfungen in einer Altersgruppe verfügbar waren, sei in diesen Gruppen auch die Zahl der Infektionen gesunken. Das geht aus einer Studie hervor, an der der Forscher beteiligt war. Auch diese Zahl soll den Sinn der Drittimpfungen belegen: Nur sieben Prozent aller Patienten mit schweren Verläufen hatten bereits eine dritte Impfdosis bekommen. Alle anderen waren nicht oder seltener geimpft.

Auch Roni Gamzu ist vom Erfolg der Auffrischungsimpfungen überzeugt. Er leitet das Ichilov-Krankenhaus in Tel Aviv und ist früherer Corona-Beauftragter der israelischen Regierung. "Zu 100 Prozent" hätten die Booster-Impfungen gewirkt, sagt er. Er empfiehlt die Impfung vor allem Menschen ab 40 Jahren. Weil er auch bei jüngeren Patienten schwere Verläufe beobachte. Mittlerweile haben vier von neun Millionen Israelis eine dritte Impfung bekommen. Darunter auch Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren.

Israel trotzdem kein "Impf-Weltmeister" mehr

So ganz freiwillig ließen sich nicht alle impfen: Israel entzieht allen Bürgern den sogenannten Grünen Pass, deren letzte Dosis mehr als sechs Monate zurückliegt. Wer also weiterhin zum Beispiel ein Konzert besuchen will, braucht in vielen Fällen die dritte Dosis. Trotzdem ist Israel im internationalen Vergleich mitnichten noch ein "Impfweltmeister". Ein relativ großer Teil der Bevölkerung hat noch keine Drittimpfung erhalten. Andere sind komplett ungeimpft.

Das bereitet Eran Segal, Forscher am Weizman Institut in Rehovot, Sorgen: "Momentan sollte es noch immer unsere zentrale Aufgabe sein, die Menschen besser zu erreichen", sagte er dem Portal Ynet. "Also 650.000 Menschen, die sich noch gar nicht haben impfen lassen. Außerdem 1,5 Millionen, die eine Booster-Impfung erhalten sollten. Die Anzahl der Impfverweigerer ist eigentlich sehr klein." Segal sagt, er denke, dass der Hauptfehler zu Beginn der vierten Welle darin bestand, "dass es zu lange dauerte, bis sich die Menschen mit der Auffrischung haben impfen lassen."

Morddrohungen gegen Ministeriumsmitarbeiterin

Doch auch in Israel gibt es Demonstrationen von Impfgegnern. Sie sprechen von einer Hexenjagd auf Ungeimpfte. Viele protestieren lautstark, aber friedlich. Manche Impfgegner überschreiten jedoch eine Grenze. Scharon Alroi-Preis, eine hochrangige Mitarbeiterin im Gesundheitsministerium, bekommt Morddrohungen und braucht mittlerweile einen Leibwächter. "Es kommt in Wellen", sagte sie dem Fernsehkanal 13. "Die stehen in direktem Zusammenhang mit den Impfungen. Immer wenn es etwas Neues zu den Impfungen gibt, gibt es eine Welle der Bedrohungen und der Beleidigungen."

Israel prüft gerade, ob auch fünf- bis elf-jährige Kinder gegen das Coronavirus geimpft werden können. Viel spricht dafür, dass Israel, das bei den Drittimpfungen so schnell war wie kein anderes Land, auch bei den Impfungen für kleinere Kinder voranschreitet. Zuvor soll über die Frage aber im israelischen Parlament beraten werden. In aller Öffentlichkeit. Die Regierung weiß: Corona-Impfungen für kleinere Kinder sind auch in Israel ein sehr emotionales Thema. 

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 02. November 2021 um 06:25 Uhr.