Israels Luftabwehrsystem "Iron Dome" wird über der südisraelischen Stadt Aschkelon gestartet, um eine aus dem Gazastreifen abgefeuerte Rakete abzufangen.

Gewalt in Nahost "Wir werden die ganze Zeit beschossen"

Stand: 17.05.2021 18:23 Uhr

Die Angriffe von militanten Palästinensern und israelischer Armee gehen trotz internationaler Forderungen nach einer Waffenruhe weiter. Erste Beobachter rechnen jedoch mit einem baldigen Ende der Kampfhandlungen.

Von Kilian Neuwert, ARD-Studio Tel Aviv, zzt. München

Eine Handvoll Gläubige hat sich gegen Mittag zum Beten in einer Synagoge in Aschkelon versammelt. An sich eine gewöhnliche Szene - doch in einer der Wände klafft ein Loch. Die Synagoge wurde am Sonntag von einer Rakete getroffen. Militante Palästinenser hatten sie aus dem Gazastreifen abgefeuert.

"Es ist eine schwere Zeit für uns, eine sehr schwere Zeit. Ich hoffe, dass die Armee ihren Job macht. Wir werden die ganze Zeit beschossen. Ich hoffe, dass das bald endet", sagt eine Frau auf der Straße vor der Synagoge. In Kommunen wie Aschkelon, das keine zehn Kilometer von der Grenze zum Gazastreifen entfernt liegt, schlagen die meisten der ungelenkten Raketen ein.

Heute Nachmittag heulten in Aschdod die Sirenen. Wie Aschkelon liegt Aschdod an der Mittelmeerküste, nur etwas weiter nördlich. "Ich habe es gerade in den Schutzraum geschafft, da spürte ich hinter mir die Druckwelle der Detonation", berichtet ein Augenzeuge im israelischen Rundfunk von einem Einschlag. Es gab Verletzte.

Kampfhandlungen seit einer Woche

Eine Woche dauern die jüngsten Kampfhandlungen nun an. Seit ihrem Beginn wurden in Israel zehn Menschen getötet und Hunderte verletzt. Im Gazastreifen sprechen örtliche Behörden von rund 200 Toten und über 1200 Verletzten. Darunter sind Kämpfer von Hamas und Islamischem Dschihad, aber auch viele Zivilisten.

Adnan Abu-Hasna schildert im Gespräch mit israelischen Journalisten die Situation vor Ort. Er ist Sprecher der UNWRA in Gaza, dem UN-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge:

Wir verzeichnen viele menschliche Tragödien. In der Al Wahdar Straße zum Beispiel haben sie 26 Kinder und Frauen getötet. Die Familien, die dort gelebt haben, besitzen nichts. Sie können keine Nachrichten hören. Und auch im Flüchtlingslager Shati wurde ein Haus angegriffen. Dort wurden acht Kinder und zwei Frauen getötet.

Gegründet wurde die UNWRA für Palästinenser, die im Zuge des ersten israelisch-arabischen Krieges 1948 vertrieben wurden. Viele ihrer Nachkommen leben heute unter anderem im Gazastreifen und sind abhängig von Hilfsleistungen und Bildungsangeboten des UN-Programms. Das Leben vieler Menschen in dem abgeriegelten Küstengebiet ist hart, weiß Abu-Hasna:

Es gibt kein Wasser, keinen Strom, keine Arbeit , es gibt im Gazastreifen kein Morgen. Man steht morgens auf und hat nichts zu tun.  Wir sind die Nachbarn des High-Tech-Landes Nummer Eins in der Welt - und wir die Nachbarn, haben kein Trinkwasser.
Menschen inspizieren den Schaden nach einem israelischen Luftangriff in Gaza-Stadt. | EPA

Nach einem israelischen Luftangriff in Gaza-Stadt inspizieren Menschen die Schäden. Bild: EPA

Druck auf Israel wächst - Recht auf Verteidigung

International wächst unterdessen der Druck auf Israel. Zivilisten seien zu verschonen, so der gleichlautende Appell mehrerer Staatschefs. Allerdings habe Israel das Recht sich zu verteidigen, sagte etwa Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Israelische Militärvertreter werden nicht müde zu betonen, dass die Angriffe Einrichtungen militanter Palästinenser gelten. Diese, so ihr Vorwurf, würden Zivilisten als Schutzschilde missbrauchen - etwa indem Raketenabschussrampen in Hinterhöfen versteckt würden.

Auch eine Woche nach dem Aufflammen der Kämpfe ist offen, ob und wann es einen Waffenstillstand geben könnte. Die Meinungen gehen auseinander. Der renommierte israelische Journalist und Beobachter Ronen Bergmann zählt zu denen, die mit einem eher schnellen Ende der Kampfhandlungen rechnen:

Die Kontakte, die auf mehreren Kanälen - über Qatar, Ägypten und den USA - stattfinden, zeigen, dass wir einem Ende sehr, sehr nahe sind. Beide Seiten haben in dieser Kriegsrunde mehr oder weniger alles ausgereizt.

Ronen bezieht sich damit auf Ziele, die beide Seiten gemäß ihrer jeweiligen Sichtweise erreicht hätten.

Zwei ranghohe Offiziere getötet

Für die Hamas dürfte dazu unter anderem zählen, dass ihre Raketen Schrecken verbreitet und Menschen getötet haben.

Aus israelischer Sicht gelten in erster Linie die Angriffe auf Tunnelsysteme, Produktionsstätten für Raketen und Hamas-Funktionäre als militärische Erfolge. Heute etwa wurden mindestens zwei ranghohe Offiziere der Hamas bei Luftangriffen getötet.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. Mai 2021 um 16:00 Uhr.