Taliban-Kämpfer vor einer Schule in Kabul, an der ein Sprengsatz explodierte (Bild vom 19.04.2022). | AP

Afghanistan Rückkehr des IS unter den Taliban?

Stand: 19.04.2022 20:40 Uhr

Bei einem Anschlag auf eine Kabuler Schule sind mehrere Menschen getötet worden. Für die Tat ist vermutlich ein lokaler IS-Ableger verantwortlich. Die Terrormiliz breitet sich in Afghanistan aus - mit Folgen für die gesamte Region.

Von Sibylle Licht, ARD-Studio Neu-Delhi

Drei Explosionen erschütterten heute ein Gymnasium im Westen Kabuls und töteten mehrere Menschen, wie afghanische Sicherheits- und Gesundheitsbehörden mitteilten. Laut dem Leiter der Krankenpflege eines Kabuler Krankenhauses sollen mindestens vier Menschen getötet und 14 verwundet worden sein, in Agenturmeldungen ist sogar von mindestens sechs Toten die Rede.

Sibylle Licht ARD-Studio Neu-Delhi

Viele Bewohner des Viertels, in dem der Anschlag geschah, gehören der schiitischen Hazara-Gemeinschaft an - einer ethnischen und religiösen Minderheit, die häufig von sunnitischen militanten Gruppen wie dem sogenannten Islamischen Staat (IS) angegriffen wird.

Niemand hat sich bisher zu dem Anschlag bekannt. Das Anschlagsmuster aber weise auf den afghanischen Ableger des sogenannten Islamischen Staates namens IS-Khorasan (IS-K) hin, so Amir Rana, Geschäftsführender Direktor des Pakistanischen Institutes für Friedensforschung. Die Denkfabrik beobachtet terroristische Aktivitäten in Pakistan und Afghanistan.

Die Hazara würden immer wieder auch während des Fastenmonats Ramadan angegriffen, der gerade begangen wird. Die Taliban haben zwar versichert, Afghanistan werde zu einem sicheren Land und nicht erneut zum Rückzugsort für Terroristen - doch Beobachter wie Amir Rana beurteilen die Lage anders.

Eine Herausforderung für die Taliban

IS-Khorasan trat zum ersten Mal 2014 im Osten Afghanistans in Erscheinung. Seit 2019 kontrolliert die Gruppierung große Teile der Provinz Nangarhar und der Nachbarprovinz Kuna. Obwohl das US-Militär massiv gegen IS-K vorging, überlebte die Terrororganisation.

Seit dem Abzug der NATO-Alliierten fordere der IS-Ableger die Taliban immer stärker heraus, erklärt Rana. Zulauf bekomme IS-K vor allem von jungen Männern. Der IS-K finanziere sich offenbar zu einem Teil durch den Drogenhandel. Den Handel mit Opium wollen die Taliban gerade verbieten.

Durch Chaos zu mehr Einfluss

Dem IS-K gelinge es, an zurückgelassene Waffen der NATO-Alliierten zu gelangen - das sehe man bei den Anschlägen, die sie verübten, erklärt Rana: "Ihr Ziel ist die Destabilisierung des Taliban-Regimes. Sie wollen ihr eigenes System in Afghanistan durchsetzen. Die Taliban stehen international unter Druck, auch der interne Druck auf sie wächst. Wenn IS-K für mehr Chaos in Afghanistan sorgt - so die Rechnung der Terrorgruppe - schafft das Platz für sie."

Es sehe so aus, als ob der IS in Afghanistan eine starke Basis etablieren wolle, um von dort aus den Einfluss auf weite Teile Südasiens auszudehnen, sagt der Analyst. Die Taliban versuchten derzeit zu verhindern, dass der IS seine gesamte Infrastruktur in die Region verlagere: Sie hätten gedacht, dass die die Kraft hätten, IS-K zu kontrollieren - doch die Gruppierung wende nun die gleichen Taktiken und Strategien an, die die Taliban gegen die frühere afghanische Regierung eingesetzt hätten.

Mehr Aktivität auch in Pakistan

Seit Jahren ist der IS in Südasien aktiv, reklamierte zum Beispiel die Anschläge auf Kirchen und ein Luxushotel am Osterwochenende 2019 in Sri Lanka für sich. In Indien wurden junge Frauen und Männer angeworben und zu Selbstmordattentätern und Kämpfern ausgebildet. Sie wurden nach Syrien oder nach Afghanistan geschickt.

Seit der Machtübernahme der Taliban im vergangenen Jahr haben auch die Spannungen an der Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan zugenommen. Vergangenes Wochenende wurden in den ostafghanischen Provinzen Khost und Kunar durch pakistanische Luftangriffe Dutzende Menschen getötet. Die Begründung der pakistanischen Armee: Militante Gruppen würden regelmäßig Angriffe aus Afghanistan auf pakistanisches Gebiet verüben.

"Es deutet vieles darauf hin, dass der sogenannte Islamische Staat auch seine Präsenz in Pakistan ausbauen will", sagt Amir Rani. Pakistan habe bereits mehrfach beim Taliban-Regime in Kabul protestiert und ein Vorgehen gegen die IS-Kämpfer verlangt.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 19. April 2022 um 14:00 Uhr.