Iranische Flagge vor blauem Himmel | REUTERS

Ausschreitungen im Iran Tödliche Proteste gegen Wassermangel

Stand: 26.07.2021 05:41 Uhr

Die iranische Provinz Khuzestan wird seit Monaten von einer Dürre geplagt. Die Bevölkerung macht die Regierung dafür mitverantwortlich und geht aus Protest auf die Straße. Der Staat reagiert einmal mehr mit Härte.

Von Katharina Willinger, ARD-Studio Istanbul

Mitte Juli gingen erstmals größere Gruppen in Ahvaz, der Provinzhauptstadt Khuzestans im Südwesten des Irans, auf die Straße. Sie forderten vom Staat Abhilfe gegen den akuten Wassermangel in der Region. Flüsse und Seen sind vertrocknet, Felder verdorrt, Vieh stirbt weg und in mehr als 700 Ortschaften soll es kaum mehr Trinkwasser geben. 

Katharina Willinger ARD-Studio Istanbul

In mehreren Städten Khuzestans sollen seither Tausende Menschen am Abend demonstrieren. Doch während die Regierung im staatlichen Fernsehen Lösungen verspricht und Gutachter in die Provinz schickt, gehen Sicherheitskräfte und vom Staat beauftragte Milizen laut Beobachtern brutal gegen Demonstranten vor.

Womöglich acht Tote

Bilder in den sozialen Medien zeigen den Einsatz von massiver Gewalt, neben Tränengas und Gummigeschossen soll auch scharfe Munition zum Einsatz kommen, so der Vorwurf der Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Waffenexperten hätten die Videos analysiert. In dem jüngst veröffentlichten Bericht der NGO ist die Rede von mindestens acht getöteten Demonstranten, darunter ein Minderjähriger, und Dutzenden Verletzten.

Amnesty Vertreterin Diana Eltahawy spricht von erschreckenden Menschenrechtsverletzungen und erinnert besorgt an die letzten größeren Proteste im Iran, im November 2019. Damals hätten Sicherheitskräfte unrechtmäßig Hunderte von Demonstranten getötet, seien aber nie zur Rechenschaft gezogen worden.

Große Ölvorkommen

Die iranischen Behörden weißen die Schuld von sich und machen "Randalierer" für die aktuellen Todesfälle verantwortlich. Laut staatlichen Medien wurde zudem ein Polizist in der Hafenstadt Maschahr getötet worden.

Eine unabhängige Berichterstattung ist währenddessen nicht erwünscht. So ist keine internationale Presseagentur vor Ort, auch der ARD ist es nicht gestattet, in die Region zu reisen, um sich ein unabhängiges Bild von der Situation in Khuzestan zu machen.

Die Provinz, die im Westen an den Irak und im Süden an den persischen Golf grenzt, war einst die wasserreichste des Landes, bekannt für ihre prächtigen Dattelplantagen. Durchzogen vom mehr als 700 Kilometer langen Karun, einem wasserreichen Fluss, der einzig schiffbare des Landes. Heute ist er weitgehend ausgetrocknet.

Denn entlang des Karuns hat der Staat bereits vor Jahren mehrere Talsperren errichten lassen. Teile des Wassers werden laut Umweltschützern für Industrieprojekte in anderen Provinzen genutzt. Schon damals hatten viele Menschen in der Region erfolglos dagegen protestiert. Nicht wenige von ihnen sehen im Vorgehen der Regierung eine Schikane gegen die überwiegend arabisch-stämmige Bevölkerung Khuzestans, wo auch ein Großteil der iranischen Ölvorkommen liegt.

Massive Stromausfälle

Ein besonders heißer Sommer mit extrem wenig Niederschlag hat die Lage in diesem Jahr dramatisch verschärft. Tagsüber steigen die Temperaturen zum Teil auf über 50 Grad. Winde wirbeln nun regelmäßig Staubmassen aus dem Flussbett des Karuns auf, der die Provinzhauptstadt Ahvaz nun nicht mehr mit Wasser versorgt, sondern in Feinstaub hüllt. Zudem kommt es immer wieder zu massiven Stromausfällen, da die Wasserkraftwerke in der Region nur noch eingeschränkt laufen. Die Regierung kündigte diese Woche an, zwei Staudämme in der Region zu öffnen, die Proteste gingen vorerst weiter.

In den vergangenen Tagen war es zudem in anderen Provinzen zu Solidaritätsbekundungen gekommen, darunter in der nördlichen Nachbarprovinz Lorestan und in Täbris, Hauptstadt der iranischen Provinz Aserbaidschan und Heimat der türkisch-stämmigen Minderheit des Landes. Auch dort waren auf Videos zahlreiche Sicherheitskräfte zu sehen, die schnell zur Stelle gewesen sein sollen, um die Demonstrationen zu beenden. In einigen Ortschaften wurden Ausgangssperren erlassen.

Parolen gegen das System

Die Angst des Staates, dass sich die Proteste, dauerhaft auf weitere Landesteile ausweiten könnten, ist groß, sagen Beobachter. Denn der Frust in der iranischen Bevölkerung über die wirtschaftliche Situation und mangelnde Reformen im Land sitzt tief. Bei einigen Protesten der letzten Tage, soll es auch zu politischen Parolen gegen das System der Islamischen Republik gekommen sein.

Immer wieder kommt es in Khuzestan derzeit auch zu massiven Internetausfällen. Die in London ansäßige NGO NetBlocks spricht von einem "beinahe Komplett-Shutdown des Internets, der vermutlich dem Ziel dient, die Bevölkerung ihrer Möglichkeit zu berauben, ihren politischen Unmut zu äußeren und miteinander und der Außenwelt zu kommunizieren".