Spieler des Iran und der USA stehen vor Spielbeginn für ein Gruppenfoto zusammen. | AP

WM-Duell Iran gegen USA Die Zeit der Blumen ist vorbei

Stand: 29.11.2022 11:35 Uhr

1998 schenkte Irans Nationalelf den US-Spielern vor dem Anpfiff Blumen - ein Friedenszeichen, aus dem nichts wurde. Heute treffen beide Teams in Katar erneut aufeinander. Zeichen des guten Willens sind nicht zu erwarten.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

"Nieder mit Amerika!" - die Parole ist Pflicht bei Pro-Regime-Demonstrationen im Iran. Diesmal rufen sie Spezialkräfte der mächtigen Revolutionsgarden. Männer und Frauen knien am Boden und strecken dabei die Faust kämpferisch in die Luft. Es ist eine der Spezialeinheiten, die in diesen Tagen auf den Straßen im Iran brutal gegen Demonstrantinnen und Demonstranten vorgeht.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Vor ihnen sitzt der Oberste Religiöse Führer, Ayatollah Ali Khamenei: "Das Problem sind nicht ein paar Krawallmacher auf der Straße, auch wenn jeder Krawallmacher, jeder Terrorist, bestraft werden muss. Das Schlachtfeld ist viel größer. Der Hauptfeind ist die globale Arroganz."

Als globale Arroganz bezeichnet das Regime die Vereinigten Staaten, neben Israel der Erzfeind. Die steckten mit hinter den Protesten der vergangenen Monate. Und ausgerechnet gegen sie geht es bei der Fußball-Weltmeisterschaft beim letzten Gruppenspiel um alles. Die Islamische Republik könnte zum ersten Mal in ein Achtelfinale einziehen. Es wäre ein Sieg für das Regime - ein Propagandasieg.

"Dieser Sieg ist wohl eine Niederlage für alle Menschen"

Beim ersten Spiel gegen England lief es noch nicht rund. Der Iran verlor 2:6. Zu Hause feierten die Demonstrantinnen und Demonstranten die Pleite der eigenen Mannschaft. Gegen Wales gelang im zweiten Spiel ein 2:0-Sieg. Danach feierten die Fans der Nationalmannschaft.

Ein Teheraner schildert: "Sie versuchen Stimmung zu machen und die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Dieser Sieg ist wohl eine Niederlage für alle Menschen, die die letzten Monate auf den Straßen waren und ein Sieg für die iranische Regierung. Das sollten wir akzeptieren."

Eine Frau erinnert vor dem WM-Spiel gegen Wales mit einem Trikot an Mahsa Amini. | REUTERS

Protest im Stadion: Eine Frau erinnert an die verstorbene Mahsa Amini vor dem WM-Spiel gegen Wales. Bild: REUTERS

Offenbar Belege für iranischen WM-Propagandaplan

Die Hackergruppe "Black Reward" veröffentlichte ein aufgezeichnetes Gespräch, angeblich aus einer Sitzung der Revolutionsgarden. Es soll den WM-Propagandaplan belegen. Da heißt es, dass die katarische Regierung in der Woche vor der WM Teheran versprochen habe, alle regimekritischen Kundgebungen, Äußerungen und Symbole zu unterbinden. 

Außerdem geht es angeblich darum, mehr als 5000 regimetreue Fans kostenlos nach Katar zu schicken. Sie sollen für die richtige Stimmung in und um das Stadion sorgen. Inzwischen wurden iranische Beamte der Sicherheitsorgane als Fußballfans in Katar identifiziert.

US-Verband verzichtet auf Zeichen für Allah

Schon vor dem Spiel gegen die USA ist die Stimmung extrem angespannt. Da wäre zum Beispiel der Streit um die iranische Flagge. Der amerikanische Fußballverband benutzte auf seinem Twitter-Konto zwischenzeitlich die Nationalflagge ohne das Zeichen für Allah in der Mitte der grün-weiß-roten Streifen.

Der iranische Fußballverband nannte das unethisch. Regimenahe Nachrichtenagenturen forderten mehr oder weniger direkt, die USA aus dem Turnier zu werfen. US-Trainer Gregg Berhalter entschuldigte sich schließlich.

Khamenei: Keine Lösung durch Verhandlungen

Gesten wie 1998 sind heute nicht zu erwarten. Damals trafen die beiden Mannschaften zum ersten Mal aufeinander, bei der WM in Frankreich, ebenfalls in einer politisch aufgeheizten Stimmung. Die iranischen Spieler schenkten den Amerikanern damals weiße Blumen als Symbol des Friedens. Davon ist man heute weit entfernt. Man könne die Probleme mit den USA nicht durch Verhandlungen lösen, meinte Khamenei in seiner Rede vor wenigen Tagen. Washington wolle sein Land nur als Geisel nehmen.

"Die USA verlangen für ein Ende der Feindseligkeiten, dass der Iran sein Atomprogramm aufgibt, die Verfassung ändert, sich darauf beschränkt, seinen Einfluss nur noch im eignen Land auszuüben und seine Rüstungsindustrie zumacht", sagte er.

Mehr als 40 Jahre dauert dieser erbitterte Streit zwischen Teheran und Washington - bis jetzt ohne einen Gewinner. Nur auf dem Rasen schaffte der Iran einen Sieg. Das Spiel 1998 gewann er mit 2:1.

Wiederholt er das, wird er ihn wohl nicht nur als Sieg über den Erzfeind werten, sondern auch als einen über die vielen jungen Menschen, die in diesen Tagen auf den Straßen im Land demonstrieren.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 29. November 2022 um 06:48 Uhr und 10:48 Uhr.