Afghanen überqueren vom Iran aus die Grenze nach Afghanistan | AP

Der Iran und die Taliban Zurück zu normaler Nachbarschaft

Stand: 27.08.2021 05:32 Uhr

Zwischen dem Iran und den Taliban herrschte lange Zeit offene Feindschaft. Heute begrüßt Teheran die Rückkehr der Taliban an die Macht - und hat sie dabei offenbar auch unterstützt.

Von Reinhard Baumgarten, SWR

Vor wenigen Tagen berichtete die iranische Zeitung "Sharq", dass der Iran beim Grenzübergang Hirmand rund 3000 afghanische Flüchtlinge nach Afghanistan zurückgeschickt habe. Bei den Abgeschobenen soll es sich dem Blatt zufolge um Angehörige des afghanischen Militärs sowie um deren Familienangehörige gehandelt haben. Andere iranische Medien berichten, dass die Führung in Teheran den Taliban die Lieferung von Treibstoff zugesagt hat.

Reinhard Baumgarten

Die wichtigsten Übergänge an der knapp 900 Kilometer langen gemeinsamen Grenze werden nach und nach wieder für den Warenverkehr geöffnet. Für Flüchtlinge hingegen will sie Teheran auf unabsehbare Zeit geschlossen halten. Bereits jetzt leben gut 800.000 registrierte afghanische Flüchtlinge und an die 2,5 Millionen nicht registrierte Afghanen im Iran. Die Islamische Republik hat kein Interesse daran, noch mehr Menschen aus dem von den Taliban so genannten Islamischen Emirat Afghanistan aufzunehmen.

Freude über Rückzug der USA

Die Führung in Teheran hat die Rückkehr der Taliban an die Macht in Afghanistan ausdrücklich begrüßt. Der kürzlich neu gewählte Präsident Ebrahim Raisi wird in iranischen Medien mit den Worten zitiert: "Die militärische Niederlage und der Rückzug der USA aus Afghanistan müssen als eine Chance angesehen werden, um die Sicherheit und den dauerhaften Frieden in diesem Land wiederherzustellen." Raisi kündigte an, seine Regierung werde mit den Taliban gute Beziehungen pflegen und sich für Stabilität und Wohlergehen des afghanischen Volkes einsetzen.  

Teherans freundliche Haltung gegenüber der im Westen als Terrororganisation geführten Taliban-Bewegung ist keineswegs neu. Vor gut zwei Monaten wurde eine hochrangige Taliban-Delegation vom damaligen Außenminister, Mohammad Javad Zarif, empfangen. Seit Jahren schon leben hochrangige Taliban-Führer in den iranischen Großstädten Kharaj nahe Teheran sowie Mashhad unweit der afghanischen Grenze. Und der damalige Taliban-Führer Akhtar Mohammad Mansour wurde 2016 von einer amerikanischen Drohne getötet, nachdem er die iranische Grenze nach Pakistan überquert hatte.

Unterstützung mit Waffen und anderer Ausrüstung

2017 erklärte der Chef des Generalstabs der afghanischen Streitkräfte, Mohammad Sharif Yaftali, in einem Interview mit der britischen BBC, die Regierung in Kabul habe Beweise dafür, dass Teheran Waffen und Ausrüstung an die Taliban liefere.

Die iranische Revolutionsgarde soll afghanischen Regierungsangaben zufolge die Taliban und andere Terrororganisationen jahrelang finanziell und logistisch unterstützt haben. Die Al-Kuds-Brigaden, so der mittlerweile von den Taliban abgesetzte Gouverneur der westafghanischen Provinz Farah, Mohammad Asif Nang, hätten auf iranischem Gebiet Trainingslager für Terroristen eingerichtet, die dann in Afghanistan zum Einsatz gekommen seien.

Drei Ziele

Die offensichtlich seit 2015 intensivierte Zusammenarbeit Irans mit den Taliban diente drei wesentlichen Zielen: Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat", strategische und wirtschaftliche Einflussnahme Irans in von den Taliban beherrschten Gebieten sowie Vertreibung der US-Streitkräfte. Die vor zwei Jahrzehnten zu Beginn des US-geführten "Krieges gegen den Terror" offen ausgetragene Feindschaft zwischen Teheran und den Taliban spielte angesichts gemeinsamer Feinde offenbar keine entscheidende Rolle mehr.  

2001 hatten die Geheimdienste der USA und Irans noch kooperiert, um die Taliban zu besiegen. Die vorwiegend sunnitischen Taliban waren während ihrer Herrschaft von 1996 bis 2001 massiv gegen Angehörige der schiitischen Minderheit in Afghanistan vorgegangen. Der Iran als selbsterklärte Schutzmacht der Schiiten sah in den Taliban eine grundsätzliche Bedrohung für Schiiten.

Das Ende einer kurzen Gemeinsamkeit

Die US-iranische Zusammenarbeit endete, nachdem die Taliban besiegt waren und der damalige US-Präsident George Bush die Islamische Republik gemeinsam mit dem Irak und Nordkorea auf der "Achse des Bösen" verortet hatte. Hardliner und Reformgegner in Teheran sahen sich darin bestätigt, dass eine Zusammenarbeit mit Washington sowie eine Annäherung an die USA nur zum Schaden der Islamischen Republik führen könne. Der Krieg gegen Irans Nachbarland Irak, der Sturz von dessen Herrscher Saddam Hussein sowie die Stationierung amerikanischer Truppen in weiteren Nachbarländern Irans nährte in Teheran die Annahme, Washington strebe einen Regimewechsel im Iran an.

Die iranische Führung entschied sich, dem Druck der USA und seinen Verbündeten mit asymmetrischen Mitteln - sprich: mit Terroranschlägen - zu begegnen. Dazu gehört neben der intensivierten Zusammenarbeit mit den Taliban auch die Verbindung zum Terrornetzwerk Al Kaida, die Teheran stets zurückgewiesen hat. Doch die Tötung von Abu Mohammad al Masri, Gründungsmitglied und Nummer zwei von Al Kaida, ist nur ein Hinweis unter vielen auf enge Verflechtungen zwischen dem Iran und der Terrororganisation. Al Masri wurde Mitte November vergangenen Jahres im Norden Teherans offenbar von Mossad-Agenten erschossen. 

Hält der neue Frieden?  

Ob die Zusammenarbeit zwischen Teheran und den Taliban nach dem Abzug der Amerikaner Bestand haben wird, hängt stark davon ab, wie sich die Taliban gegenüber den Schiiten Afghanistans und Irans Verbündeten in dem Land verhalten. Sollte das iranische Regime seine Interessen bedroht sehen, könnte es versucht sein, Tausende schiitische Kämpfer aus Afghanistan, die es als Söldner in Syrien eingesetzt hat, zum Kampf gegen die vorwiegend sunnitischen Taliban zu führen. Viele von ihnen sind bereits nach Afghanistan zurückgekehrt und könnten schnell mobilisiert werden.

 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. August 2021 um 13:33 Uhr.