Die iranische Fußball-Nationalmannschaft steht während der Nationalhymne Schulter an Schulter und singt nicht. | EPA

Iraner feiern WM-Niederlage Eine Pleite lässt die Straße jubeln

Stand: 22.11.2022 09:09 Uhr

Auf das Schweigen bei der Hymne folgt der Lärm: Im Iran hat die WM-Niederlage der Nationalelf für großen Jubel gesorgt. Sympathien der Demonstranten gewinnt die Auswahl aber nicht - viele Iraner sind wütend auf das Team.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Ein Mann sitzt hinten auf einem Motorrad und hat die britische Flagge um die Schultern gebunden - nicht in England, sondern irgendwo im Iran. Es ist eine der Flaggen, die die Menschen normalerweise bei Pro-Regime-Demos verbrennen, auf der sie wütend herumtrampeln. Der Mann riskiert viel - in diesen Tagen wohl sein Leben.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Auf den Straßen herrscht am Abend Feierstimmung, als hätte die Mannschaft gewonnen. Aber ein Teheraner erzählt: "Als der Iran die ersten Tore kassiert hat, habe ich überall in unserem Viertel Hupen und Tröten gehört, und nach dem Spiel ist das so weitergegangen." Videos im Netz belegen das.

Die Spieler der Nationalmannschaft schweigen zwar bei der Nationalhymne, und einige tragen auch schwarze Bänder an den Handgelenken, wohl aus Trauer um die Opfer der Proteste in der Heimat - die Sympathien der Demonstrantinnen und Demonstranten zu Hause gewinnen sie nicht. Die tanzen auf den Straßen und feiern die satte Niederlage gegen England.

Wut über Fotos mit Irans Präsident Raisi

Ein Foto im Netz zeigt ein riesiges WM-Plakat über einer großen Straße in Teheran. Jemand hat es angezündet. Die Flammen fressen sich langsam durch das Bild von iranischen Spielern. Ein anderes Plakat, das Demonstranten aufgehängt haben, zeigt einen Fußball, der vor Blut trieft.

Der Trainer des beliebten Teheraner Fußballvereins Persepolis, Jahja Golmohammadi, schreibt im Netz über die iranische Nationalmannschaft: "Wir wollen alle, dass sie zehn Tore kassieren." Viele Iranerinnen und Iraner sind vor allem wütend über Fotos, die das Team vor dem Abflug nach Katar unbeschwert beim ultrakonservativen Präsidenten Ebrahim Raisi zeigen.

Spieler könnten strafrechtliche Folgen erwarten

Wie die Führung in Teheran auf das Schweigen während der Nationalhymne reagiert, ist offen. Eine iranische Nachrichtenseite zitiert vor einer Woche einen Kleriker, der fordert, alle Spieler, die nicht mitsingen, sollen aus der Mannschaft fliegen. Manche rechnen erst mit Konsequenzen, wenn sie zurück in den Iran kommen. Wie die aussehen könnten? Beobachter halten vieles für möglich, von Druck auf sie und ihre Familien, einem Karriereende bis hin zu strafrechtlichen Folgen.

Regimenahe Medien analysieren in ihren WM-Berichten zwar das Spiel gegen England, gehen aber nicht auf den stillen Protest der Spieler ein.

Weitere Aufrufe zum Protest

Der Trainer von Persepolis und User im Netz rufen auch dazu auf, für die Menschen in Javanroud und anderen Städten in den Kurdengebieten im Nordwesten des Iran auf die Straße zu gehen. Von dort gibt es immer mehr Berichte, dass Sicherheitskräfte brutal gegen Proteste vorgehen.

Menschenrechtsorganisationen schreiben von zahlreichen Toten innerhalb weniger Tage. Iranische Medien berichten, dass dem Aufruf auch Bewohner eines Teheraner Stadtteils folgen, in dem es bis jetzt ruhig geblieben ist. Er liegt ganz in der Nähe von Kasernen der Revolutionsgarden.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 22. November 2022 um 07:51 Uhr.