Die Flaggen von Iran und Saudi-Arabien sind auf einer gerissenen Wand aufgemalt | picture alliance / Zoonar
Analyse

Iran und Saudi-Arabien Heikle Annäherung am Persischen Golf

Stand: 21.04.2021 19:04 Uhr

Iran und Saudi-Arabien reden wieder miteinander: Die beiden Erzrivalen führen offenbar geheime Gespräche. Gründe dafür gibt es viele - und für beide Seiten ist der Schritt nicht ohne Risiko.

Von Christian Buttkereit, ARD-Studio Istanbul 

Mehr als fünf Jahre herrschte diplomatische Eiszeit zwischen Riad und Teheran. Zu Jahresbeginn 2016 hatte die Exekution des schiitischen Klerikers Nimr-al-Nimr durch Saudi-Arabien zu einem Sturm einer wütenden Menge auf die saudische Botschaft in Teheran geführt. Wohl auch weil die iranischen Sicherheitskräfte die Randalierer gewähren ließen, kappte Riad die diplomatischen Verbindungen.  Doch nun scheinen die beiden Erzrivalen wieder das Gespräch miteinander zu suchen. Am Wochenende gab es einen ersten Bericht über ein Treffen in der "Financial Times", am Dienstag dann bestätigten eine irakische Gewährsperson und ein westlicher Diplomat in Bagdad der Nachrichtenagentur AP ein Treffen beider Seiten. Vermittelt habe es der irakische Premier Mustafa al-Kadhimi.

Christian Buttkereit ARD-Studio Istanbul

Saudi-Arabien dementierte die Berichte, der Iran bestätigte die Zusammenkunft, wenn überhaupt, dann nur indirekt: Das Außenministerium in Teheran erklärte, ein Dialog mit Saudi-Arabien sei immer zu begrüßen. Der iranische Botschafter im Irak, Iradsch Masdschedi, sagte aber der staatlichen iranischen Nachrichtenagentur IRNA, es scheine so, dass die regionale und internationale Situation eine positivere Atmosphäre für die Lösung mancher Probleme zwischen Iran und anderen Nationen geschaffen habe. Und er ergänzte, die Gespräche hätten noch kein klares Ergebnis erzielt und noch keinen bemerkenswerten Fortschritt gemacht.

Während die "Financial Times" berichtet, dass für Saudi-Arabien Geheimdienstchef Khalid bin Ali al-Humaidan an den Gesprächen teilgenommen habe, wird spekuliert, ob der Iran durch Ali Schamchani vertreten war, den Präsidenten des einflussreichen Nationalen Sicherheitsrats.

Ein Soldat der jemenitischen Armee feuert bei Marib ein Geschoss auf Houthi-Kämpfer | REUTERS

Im Jemen liefern sich Iran und Saudi-Arabien seit Jahren einen Stellvertreterkrieg. Für die Bevölkerung bedeutet dies laut UN die größte humanitäre Katastrophe der Gegenwart. Bild: REUTERS

Entgegenkommen an US-Präsident?

Dass beide Seiten zunächst um Geheimhaltung bemüht waren, mag damit zusammenhängen, dass die Rivalen um die Vormachtstellung am Persischen Golf erst einmal ausloten mussten, ob es überhaupt Sinn hat, miteinander zu reden.

Gesprächsthemen gäbe es genug: Im Jemen führen beide Staaten einen Stellvertreterkrieg. Der Libanon, in dem Saudi-Arabien den sunnitischen Regierungschef unterstützt und der Iran die schiitische Hisbollah, droht rund ein Jahr nach der Explosionskatastrophe im Chaos zu versinken.

In Syrien, das eine Säule des iranischen Führungsanspruchs in der Region bildet, dürfte es demnächst um eine Nachkriegsordnung und den Wiederaufbau gehen - und damit um dauerhaften Einfluss in der Region. Hauptgesprächsthema aber soll nach Angaben der Krieg im Jemen gewesen sein.

Gerade damit würden beide Seiten US-Präsident Joe Biden entgegenkommen. Er hat die Beendigung des Kriegs im Jemen zu einem zentralen Anliegen seiner Außenpolitik gemacht. Im März hatte Saudi-Arabien eine gemeinsame Friedensinitiative der Vereinten Nationen und der USA vorgestellt. Dem stehen derzeit eskalierende Kämpfe um die erdgasreiche Region Marib entgegen. In den vergangenen Tagen verstärkten die Huthi-Rebellen ihre Offensive zur Eroberung des Gebiets. Sollten die Bemühungen um einen Waffenstillstand scheitern, wäre dies ein Rückschlag für Biden. 

Atomdeal-Gespräche im Blick

Zugleich beobachtet Saudi-Arabien mit Argwohn die Wiener Gespräche um eine Wiederbelebung des Atomabkommens mit dem Iran, bei dem es Teilnehmerkreisen zufolge ernstzunehmende Fortschritte gibt. Nur zu gerne würde Saudi-Arabien mit am Tisch sitzen, heißt es aus Insiderkreisen.

Riad drängt, ebenso wie die Vereinigten Arabischen Emirate, vehement darauf, dass ein neues Abkommen auch das ballistische Raketenprogramm Irans und den militärischen Einfluss des Landes in der Region einschränken müsse. Eine Forderung, die auch von Teilnehmern der Wiener Runde geteilt wird, die aber der Iran als völlig überzogen ablehnt. Sie könnte die Gespräche im schlimmsten Fall zum Scheitern bringen.  

Der Irak in der Vermittlerrolle

Zugleich ist in der Region vieles in Bewegung geraten. Ehemals verfeindete Staaten wie Israel und die Vereinigten Arabischen Emirate haben diplomatische Beziehungen aufgenommen, Saudi-Arabien und Katar ihren Bruderzwist beigelegt. Auch das könnte für den Iran ein Anreiz sein, das Gespräch mit Saudi-Arabien zu suchen. Wer nur darauf beharrt, alte Feindschaften zu pflegen, läuft Gefahr, von den Entwicklungen in der Region abgehängt zu werden.

Der Irak wiederum, auf dessen Boden das erste Treffen stattfand, hat ein Interesse an einer Vermittlerrolle, nicht nur wegen seiner geographischen Lage zwischen den beiden regionalen Machtzentren. Im Irak sorgen Spannungen entlang konfessioneller Linien immer wieder für Konflikte, an deren Entstehung und Auswirkungen Saudi-Arabien auf der einen und Iran auf der anderen Seite nicht ganz unbeteiligt sind.

Außerdem stehen im Irak im Herbst Wahlen an. Da der Iran bei der Regierungsbildung ein gewichtiges Wort mitreden dürfte, setzt Premier Mustafa al-Kadhimi auf ein gutes Verhältnis zu Teheran. Kadhimi habe für Teheran auch schon Kommunikationskanäle mit Ägypten und Jordanien etabliert, heißt es aus Diplomatenkreisen.  

Kontakte mit Risiko

Ganz ohne Risiko sind die Annäherungsversuche für Saudi-Arabien und den Iran jedoch nicht. In der iranischen Propaganda gilt Saudi-Arabien immer noch als Verbündeter und Handlanger des Todfeindes USA. Vielleicht hält man sich in Teheraner Regierungskreisen mit der Bestätigung des Treffens auch deshalb zurück, um nicht in Erklärungsnöte zu kommen.

Für Saudi-Arabien steht das gerade erst verbesserte Verhältnis zu Israel auf dem Spiel. Riad muss damit rechnen, durch die Gespräche mit dem Erzfeind Iran den Unmut Israels auf sich zu ziehen.