Shiraz Coffee Shop im Iran | ARD Studio Teheran
Reportage

Iran Modernes Leben trotz konservativer Führung

Stand: 19.06.2022 13:10 Uhr

Vor einem Jahr wurden bei den Wahlen im Iran die Weichen für eine ultrakonservative Regierung unter Präsident Raisi gestellt. Den Drang der Menschen nach einem westlichen Lebensstil kann sie aber nicht aufhalten.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Solche Klänge waren vor nicht langer Zeit in iranischen Cafés unüblich: wilde Gitarrenmusik mit US-amerikanischen Texten. Aber Melika gefällt genau das an ihrem Arbeitsplatz. Sie steht in einem Coffee Shop in der iranischen Stadt Shiraz an der Kasse.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Ob alles gepasst hat, fragt sie einen Kunden, der bezahlen will, und schaut ihn freundlich mit ihren großen dunklen Augen an. Die 21-Jährige trägt ein weites Karo-Hemd, dazu das obligatorische Kopftuch. Nur, es rutscht der Studentin immer wieder runter. Irgendwann lässt sie es da. Keiner beschwert sich, keiner schaut sie schräg an, schon gar nicht ihr Chef Farshad. Der setzt in seinem Café auf eine moderne Atmosphäre. Und das bedeutet für ihn die westliche Coffee-Shop-Atmosphäre. Die hat er vor vielen Jahren in Italien kennengelernt. Denn der Iran ist eigentlich ein Land der Tee-Trinker.

"Die Café-Branche hat es geschafft, das Geschäft insgesamt zu modernisieren", sagt Farshad. "Cafés sind rausgekommen aus der dunklen Kelleratmosphäre und sind zu Straßencafés geworden. Da können Sie unterm Sonnenschirm an der frischen Luft sitzen und sich einfach direkt mit jedem unterhalten. Da gehts einfach sehr locker zu." Eine junge Frau schiebt sich an ihm vorbei. Unter ihrer weiten offenen Bluse trägt sie ein Top, das bauchfrei ist.

Arbeit im Café statt Medizinstudium

Währenddessen scherzt Melika mit ihren Kollegen hinter dem Tresen. Sie hat vor acht Monaten hier angefangen: "Ich entdecke hier einfach viel Neues", sagt sie. "Ich habe ja die Aufnahmeprüfung für Medizin an der Uni bestanden. Aber nach einer Weile ist mir klar geworden, dass das nicht mein Traum ist, sondern der meiner Familie. Darum hab ich das Studium abgebrochen und mir einen Job gesucht."

Viele Eltern wünschen sich für ihre Kinder, dass sie Arzt oder Ärztin werden, da sie dann in diesen wirtschaftlichen Krisenzeiten noch mit einem einigermaßen guten Einkommen rechnen können. Dementsprechend waren auch Melikas Eltern nicht begeistert von ihrer Entscheidung: "Ich wollte immer weg von meiner Familie. Ich will meine eigenen Erfahrungen machen", sagt sie.

Ihre Augen wandern durch das Café, um zu checken, ob jemand was bestellen will. Dann erzählt sie weiter: Sie hat inzwischen ein neues Studium angefangen, Gentechnik. Den Job hier will sie aber auf keinen Fall aufgeben: "Es ist nicht einfach. Manchmal schlafe ich nur drei Stunden, weil ich viel lernen muss. Und ich arbeite ja auch hier acht Stunden. Danach komme ich echt müde nach Hause. Da muss man sich durchbeißen und nachts wach bleiben können."

Das Café scheint für sie trotz der Arbeit eine Oase, ein Fluchtort für einen ungezwungenen westlichen Lebensstil zu sein: "Ich komme sogar an meinen freien Tagen hierher und besuche meine Kollegen, sonst vermisse ich sie", sagt sie. "Wir sind uns einfach alle sehr nah. Das macht richtig Lust auf die Arbeit."

Shiraz Coffee Shop im Iran | ARD Studio Teheran

Bild: ARD Studio Teheran

Modernes Konzept kommt gut an

Farshads Konzept kommt auch bei den Gästen an. Es ist Mittagszeit und gut was los. Der 37-Jährige geht draußen auf der Terrasse von Tisch zu Tisch und hält überall einen kurzen Small Talk. Viele der Frauen rauchen Zigarette, haben schicke Handys und das Kopftuch um den Hals. An einem Tisch sitzen Marjam und Anna. Sie fallen auf, tragen ihr Kopftuch streng gebunden, sodass kein Haar rausschaut.

Anna erklärt, dass sie auf einer Behörde arbeiten. Da ist das Vorschrift. "Im Iran können viele junge Menschen, wenn sie ungestört sein wollen, vielleicht mal zusammen im Auto sein", sagt sie. "Ich denke, im Café hier ist das netter. Da beschwert sich keiner, und sie können stundenlang ohne Probleme einfach zusammensitzen."

Einschränkungen der Freiheiten befürchtet

Viele hatten vor einem Jahr mit der Wahl des ultra-konservativen Ebrahim Raisi zum Präsidenten befürchtet, dass er Freiheiten wieder einschränken würde, es mehr Kontrollen und auch Strafen in den modernen Coffee Shops geben würde. Farshad antwortet gerne ausführlich. Jetzt macht er einen Schritt zurück und hält sich kurz: "Wir respektieren und befolgen alle Regeln und Vorschriften. Die Leute kommen, um einen Kaffee zu trinken und einfach ihrem Alltag nachzugehen."

Ganz so einfach ist es nicht. Im Moment kursiert eine Geschichte aus Teheran durchs Netz. Da gab es eine Kontrolle in einem ähnlich modernen Coffee Shop. Alle Bedienungen wurden angehalten, Hijab zu tragen, also ihr Haar unter dem Kopftuch verschwinden zu lassen. Sie haben gekündigt, heißt es in den Posts.

Keine internationale Konkurrenz

Ein Handwerker kommt auf Farshad zu. Er soll die Klimaanlage im Café reparieren. Er erklärt Farshad, dass er wegen der US-Sanktionen für dieses Modell keine Ersatzteile herbekommt. Für Farshad kein Problem. Dann soll der Handwerker das Ersatzteil eben selber bauen. Es scheint, als würde er für alles eine Lösung finden. Die Sanktionen halten ihn von guten Geschäften auf jeden Fall nicht ab. Seinen Kaffee kauft er beim iranischen Röster. Damit hat er mit dem Import nichts zu tun.

Im Gegenteil, ein bisschen profitiert er sogar davon, dass der Iran international isoliert ist. Bekannte Coffee Shop-Ketten wie Starbucks, die weltweit agieren, gibt es hier nicht und sind damit auch keine Konkurrenz.

Farshads Augen sind überall. Einer der Mitarbeiter hat Glasreiniger in der Vitrine stehen lassen. Er ermahnt ihn. Dafür erntet er Respekt. Sie alle schätzen, was er hier geschaffen hat. Für Melika ist der Coffee Shop in Shiraz auch ein kleines Fenster zur Welt: "Ab und zu kommen auch ausländische Touristen, um einen Kaffee zu trinken und was zu essen. Wir, also meine Kollegen, erfahren dann auch was über ihre Länder und lernen so auch andere Sprachen."

Sie geht in ihrem Job voll auf. Und ja, möglicherweise wird sie nicht als Genforscherin arbeiten. Im Moment will sie viel lieber ein eigenes Café.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. Juni 2022 um 13:40 Uhr.