Iraner fahren am Revolutionstag mit Fahnen durch das Stadtzenrum von Teheran | via REUTERS

Irans Revolutionstag Feiern oder fernbleiben

Stand: 11.02.2022 18:51 Uhr

Der Iran begeht den ersten Revolutionstag unter dem neuen Präsidenten Raisi. Im Zentrum Teherans feiern Zehntausende das Regime. Abseits des Jubels sind die Folgen westlicher Sanktionen nicht zu übersehen.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul, zurzeit Teheran

Gegen halb elf Uhr vormittags füllt sich die Freiheitstraße im Zentrum Teherans mit Tausenden Motorradfahrern. Viele von ihnen tragen Uniform und gehören zu einer der zahlreichen Gruppen von Sicherheitskräften. Oft sitzen zwei, manchmal drei Regimeanhänger auf einem Motorrad. Besonders mutige Beifahrer stehen wie Akrobaten auf dem Sitz, lehnen mit den Beinen an dem Rücken der Fahrer und halten iranische Flaggen in den Händen.

Oliver Mayer-Rüth ARD-Studio Istanbul

Wer kein Motorrad hat, kommt zu Fuß. Alles strömt am Revolutionstag Richtung Freiheitsplatz. Am Straßenrand preisen Jungen- und Mädchenchöre in folkloristischen Liedern den Ayatollah an. Passanten lassen sich mit Verkleideten fotografieren. Die Veranstaltung hat Volksfestcharakter.

Motorradfahrer schwenken in Teheran (Iran) Flaggen zum Revolutionstag | EPA

Haltung ist alles - gerade beim Fahnenschwenk auf einem Motorrad am Revolutionstag in Teheran. Bild: EPA

Der Präsident geht in die Moschee

Früher hielt der Präsident am Revolutionstag auf dem Freiheitsplatz eine Rede. Ebrahim Raisi, seit August im Amt, spricht jedoch kurz vor dem Freitagsgebet in der Moschee "Imam Khomeni Mosala". Raisi war bis Sommer 2021 Chef der iranischen Justiz, gilt als strengkonservativer Schariaexperte und ist verantwortlich für zahlreiche vollstreckte Todesurteile.

Jetzt blicken die Iraner erwartungsvoll auf seine Geschicke hinsichtlich eines neuen Atomabkommens, denn die Sanktionen setzen die Menschen im Land seit Jahren massiv unter Druck. Raisi appelliert an die Willensstärke des Volkes, während seine Unterhändler in Wien am Verhandlungstisch sitzen. "Wir setzen unsere Hoffnung in die Menschen, aber nicht in Wien", erklärt er in seiner Rede.

Gemeint ist damit offenbar, dass Iran nicht jeden Kompromiss eingehen muss. Doch selbst bei den Regimeanhängern, die heute so zahlreich zum Freiheitsplatz strömen, ist eine Erschöpfung aufgrund der Sanktionen zu spüren.

Die Folgen des Embargos

Ein etwa 50-jähriger Beamter, der seinen Namen nicht nennen will, beklagt, das Embargo sei unmenschlich, denn sogar Medikamente dürften nicht eingeführt werden. Das Volk leide enorm unter den Maßnahmen der USA und anderer westlicher Staaten. Auf die Frage, was Raisi seit seiner Amtseinführung erreicht oder verändert habe, sagt der Mann, nach dieser kurzen Zeit könne man noch keine hohen Erwartungen haben.

Ali Kianmehr wirkt jugendlich trotz seines langen schwarzen Bartes. Der 22-Jährige gibt sich kämpferischer als sein Vorredner: Erst müsse der Westen die Sanktionen aufheben, dann könne man zum Atomabkommen zurückkehren. Nach dem ersten halben Jahr der Regierung stehe fest, dass sich diese im Vergleich zur Vorgängerregierung auf das Volk konzentriere. Der frühere Präsident Hassan Rouhani habe nur die Beziehungen zum Ausland im Blick gehabt und damit nichts erreicht.

Demonstrieren? Vielleicht später

Im Stadtzentrum liegt das Viertel Iranshahr. Während Regimeanhänger demonstrieren, sitzen dort modern gekleidete Teheraner in einem Kaffeehaus beim Cappuccino. Auf die Frage, warum sie hier entspannen, anstatt für den Revolutionstag zu marschieren, antwortet eine junge Frau mit Augenzwinkern, gleich nach dem Mittagessen mache man sich auf den Weg.

Tatsächlich hat dieser Teil der Gesellschaft kaum ein Interesse an der Parade. Dass sich dort dennoch geschätzt bis zu 20.000 Menschen versammelt haben, will die Frau kaum glauben.

Anhänger des iranischen Regimes verbrennen in Teheran US-Flaggen anlässlich des Revolutionstages | AP

Einerseits ein ritueller Akt, andererseits Ausdruck eines anhaltenden Misstrauens: Am Revolutionstag werden in Teheran wieder US-Flaggen verbrannt. Bild: AP

Der Riss in der Gesellschaft bleibt

Der Spalt zwischen modernen und konservativen Iranern ist seit Raisis Amtsantritt nicht kleiner geworden. Auf dem Basar Tajrisch moniert ein Obsthändler kurdischer Herkunft, die Kaufkraft sei seit August vergangenen Jahres zurückgegangen. Er misst Raisi an den Verhandlungen in Wien: Erfolgreich sei dieser erst, wenn er die Aufhebung der Sanktionen und ein neues Atomabkommen auf den Weg gebracht hat.

Ein Frisör ergänzt, der neue Präsident habe zumindest bessere Chancen, die Verhandlungen zum Erfolg zu führen als sein Vorgänger Rohani. Dieser sei ein "Dummkopf" gewesen, der nichts bewirken konnte und keine Macht hatte. Raisi käme aus dem strengkonservativen Lager und ziehe mit den Revolutionsgarden an einem Strang. Allerdings müsse auch er zu Kompromissen bereit sein. Genauso wie die Amerikaner. Schließlich sei der Iran eine Großmacht. Würde Washington dies anerkennen, könnten das Regime und die Führung im Weißen Haus eines Tages Freunde sein.

Auf der Kundgebung ist von dieser Perspektive nichts zu spüren. Wer hier die Plakate liest, bekommt einen ganz anderen Eindruck: "Nieder mit den USA" steht dort auf Englisch und Farsi. Kein Signal dafür, dass in den nächsten Tagen ein Durchbruch bei den Verhandlungen in Wien zu erwarten ist.