Ein Polizeimotorrad und eine Mülltonne brennen auf einer Kreuzung in der iranischen Hauptstadt Teheran (Archiv-Foto vom 19. September 2022). | AP

Demonstrationen im Iran Wie breit sind die Proteste gegen das Regime?

Stand: 03.10.2022 18:14 Uhr

Die Proteste im Iran reißen nicht ab. Offenbar demonstrieren inzwischen Studierende aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten. Könnten die Proteste eine kritische Masse erreichen?

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Es ist eines der unzähligen Videos im Netz vom Wochenende, unscharf gedreht, sodass keine Gesichter erkennbar sind. Es soll Studentinnen und Studenten der renommierten Teheraner Scharif-Universität zeigen: "Sie haben Teheran in ein Gefängnis verwandelt, und das Evin-Gefängnis in eine Universität", singen sie. Denn viele Studentinnen und Studenten, die die Sicherheitskräfte bei den Protesten festnehmen, bringen sie angeblich in das berüchtigte Teheraner Evin-Gefängnis.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Auf anderen Videos sind auch Frauen im Hijab, also Kopftuch, und Tschador bei den Uni-Protesten erkennbar. Tschador, das ist das große dunkle Tuch, das religiös-konservative Frauen über den ganzen Körper tragen. "Das zeigt natürlich eben auch, dass sich sehr, sehr viele Menschen, die vielleicht auch freiwillig den Hijab tragen, durchaus solidarisieren mit dem, was im Iran vorgeht", sagt die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur. "Weil sie argumentieren: 'Auch wenn wir den Hijab freiwillig tragen wollen, heißt das ja noch lange nicht, dass man anderen den Hijab aufzwingen soll'."

Demos der Studierenden zeigen Breite der Proteste

Ein Platz an einer staatlichen Universität sei begehrt, erklärt Amirpur - nicht nur in konservativen Kreisen. Aber man müsse sich an bestimmte Regeln halten: Sittenwächter kontrollierten das Aussehen der Studentinnen. Wer Nagellack auf den Fingernägeln habe oder wessen Hijab nicht wie vorgeschrieben sitze, komme dort nicht rein, sagt Amirpur.

An den Unis studieren Iranerinnen und Iraner aus ganz unterschiedlichen Gesellschaftsschichten - dementsprechend kann man davon ausgehen, dass die Proteste von einer breiten Masse getragen werden. Das habe es lange nicht mehr gegeben, sagt Amirpur:

In der Vergangenheit war es aber häufig so, dass gerade sie [die Studierenden, Anm. d. Red.] sich etwas zurückgehalten haben, weil man bei ihnen natürlich auch sehr schnell mit restriktiven Maßnahmen reagieren kann. Also sie befürchten, sofort exmatrikuliert zu werden. Dass die Studierenden jetzt aber auf die Straße gehen, spricht natürlich auch dafür, dass man eine kritische Masse erreichen könnte, die es bräuchte, um das Regime zu stürzen.

Auch Angriffe der Polizei auf Lehrkräfte

Dieses Regime geht auch am Wochenende mit aller Macht gegen die Proteste vor. Vor allem von der Teheraner Scharif-Universität gibt es zahlreiche Videos. Beispielsweise zeigt eines eine regelrechte Jagd durch die Tiefgarage. Bei anderen sieht man, wie Sicherheitskräfte Tränengas, Knüppel und angeblich auch scharfe Munition einsetzen. Es sind Schüsse zu hören.

Mehrere twittern, dass die Sicherheitskräfte auch Lehrkräfte verprügelt haben. Die müssen zwar beim Antrittsgespräch an der Uni eine Art Gesinnungstest bestehen, aber "auf der anderen Seite ist die Kontrolle an iranischen Universitäten auch nicht so eindringend in den Seminarraum, dass man wirklich kontrollieren würde, was wird da an jeder Stelle gesagt", erklärt Amirpur. "Da ist schon auch die Möglichkeit zum Dissens gegeben und den hört man auch immer wieder in den Seminarräumen, in den Klassenräumen." Sei sei überzeugt, dass sehr viele Professoren die Grundhaltung ihrer Studierenden teilten, sagt Amirpur.

Vor der Uni protestieren angeblich auch Eltern und Angehörige. Sie fordern, die Festgenommenen freizulassen, teils wissen sie gar nichts über ihren Verbleib. Auf den Straßen gibt es Hupkonzerte. Angeblich blockieren Autos Zufahrtsstraßen zu der Teheraner Uni, um Sicherheitskräften den Weg zu versperren.

Anlass der Proteste - die inzwischen seit mehr als zwei Wochen andauern - ist der Tod der 22-jährigen Mahsa Amini in Polizeigewahrsam in Teheran. Sie hatte ihr Kopftuch nicht den Regeln entsprechend getragen.  

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 03. Oktober 2022 um 11:31 Uhr.