Proteste in Karadsch (Archivbild: 28.09.2022) | picture alliance / ZUMAPRESS.com

Proteste in Karadsch Wieder Gewalt bei Protesten im Iran

Stand: 03.11.2022 19:18 Uhr

Bei Protesten in der iranischen Stadt Karadsch ist es zu gewaltsamen Zusammenstößen von Demonstranten und Sicherheitskräften gekommen. Augenzeugen berichten von Verletzten auf beiden Seiten. Auch von Toten ist in Staatsmedien die Rede.

Bei neuerlichen Protesten gegen die iranische Regierung sind in der Nähe der Hauptstadt Teheran nach Medienberichten mindestens zwei Menschen getötet worden. Die staatliche Nachrichtenagentur Irna berichtete unter Berufung auf die Rettungsdienste, bei den Unruhen in Karadsch seien weitere Menschen verletzt worden. Aus dem Bericht ging nicht hervor, ob es sich bei den Todesopfern um Demonstranten oder Sicherheitskräfte handelte. Auch Einzelheiten zu den Vorfällen wurden nicht genannt.

Menschenmassen strömten in Karadsch auf die Straßen - mehrheitlich waren es Frauen. Immer wieder waren Rufe wie "Wir kämpfen, wir sterben, wir ertragen keine Erniedrigung" zu hören, berichteten Zeugen. Sicherheitskräfte sollen auf die Demonstranten geschossen und Tränengas eingesetzt haben. Einige setzten sich zur Wehr. Dem Onlinekanal "1500tasvir" zufolge eröffneten die Sicherheitskräfte das Feuer.

Anlass der Proteste war Ende der Trauerzeit

Anlass der Proteste war das Ende der 40-tägigen Trauerzeit nach dem Tod der jungen Iranerin Hadis Nadschafi, die Berichten zufolge im September bei Protesten in Karadsch von Sicherheitskräften erschossen worden war. Die Behörden bestreiten dies.

Nadschafi ist inzwischen eine der Symbolfiguren der Proteste. Im Islam ist eine Trauerzeit von 40 Tagen üblich. "Wenn man sieht, wie die Familie unter dem Tod der Tochter leidet, kommt einem die Wut hoch", sagte ein Augenzeuge am Rande der Demonstration.

Kleriker während der Proteste offenbar verletzt

Die halbstaatliche Nachrichtenagentur Fars meldete, dass in Karadsch ein Mitglied der paramilitärischen Basidsch-Kräfte getötet wurde. Die ebenfalls halbstaatliche Nachrichtenagentur Tasnim berichtete davon, dass ein Kleriker während der Proteste angegriffen und verwundet worden sei. Ein Bild in den sozialen Medien soll den verletzten Geistlichen auf dem Rücksitz eines Autos zeigen. Seit Wochen werden Irans Mullahs als Symbol der autoritären Führung in dem schiitischen Staat kritisiert.

Die Umstände ließen sich zunächst nicht unabhängig überprüfen. Die iranischen Behörden schränken die Medienberichterstattung über die Proteste stark ein, so dass es schwierig ist, Einzelheiten über die Unruhen zu bestätigen.

Geistlicher kritisiert das Vorgehen gegen Demonstranten

In der Stadt Sahedan im Südosten des Irans wurde der staatlichen Irna zufolge ein Geistlicher von maskierten Männern erschossen. Ein Motiv oder Einzelheiten zur Tat wurden nicht genannt.

In der Stadt war es in den vergangenen Wochen zu schweren Zusammenstößen von Sicherheitskräften und Demonstranten gekommen. Nach Angaben von Amnesty International töteten Sicherheitskräfte dort am 30. September mindestens 66 Menschen. Sahedan wird mehrheitlich von Sunniten geprägt, im Iran stellen aber Schiiten die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung.

Ein hochrangiger sunnitischer Geistlicher hatte das Vorgehen gegen Demonstranten kritisiert und erklärt, Verantwortliche des Staates und das geistliche Oberhaupt Irans, Ajatollah Ali Chamenei, würden sich dafür vor Gott verantworten müssen.

Bundesregierung: Deutsche sollen Iran verlassen

Die Bundesregierung hat deutsche Staatsbürger angesichts des gewaltsamen Vorgehens gegen die Proteste zur Ausreise aus dem Land aufgefordert.

Im Iran halten die Massenproteste seit mehr als sechs Wochen an, die sich am Tod der 22-jährigen Mahsa Amini entzündet hatten. Die Kurdin war am 16. September in Polizeigewahrsam gestorben. Die sogenannte Sittenpolizei hatte sie festgenommen, weil sie unangemessen gekleidet gewesen sein soll.