Iranische Spieler während der Nationalhymne vor dem WM-Spiel gegen Wales | AP

Irans WM-Team Diesmal doch die Hymne mitgesungen

Stand: 25.11.2022 14:58 Uhr

Vor dem ersten Spiel hatte Irans Nationalmannschaft die Hymne noch boykottiert - heute sangen die Spieler dann doch halbwegs mit. Sie müssen sich zu Hause längst vorwerfen lassen, ein "Team Mullah" zu sein.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Die iranische Nationalmannschaft ist bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar zwar nicht die erfolgreichste - sie gilt aber bei vielen als die mutigste. Denn vor dem Auftaktspiel gegen England traute sie sich, bei der Nationalhymne aus Solidarität mit den Anti-Regime-Protesten zu Hause zu schweigen. Spätestens seitdem dürften die Spieler unter massivem Druck stehen.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Und dem scheinen sie nicht standgehalten zu haben: Bei dem heutigen Spiel hört man im Stadion nicht wirklich, dass jemand inbrünstig mitsingt - so wie bei der Nationalhymne von Wales wenige Minuten zuvor. Aber die iranischen Spieler bewegen zumindest mehr oder weniger stark die Lippen. Ihre Gesichter sind versteinert, als die iranische Hymne läuft.

Auf dem Arm eines Spielers ist gut ein Schriftzug zu lesen: "Love me for who I am – liebe mich, wie ich bin." Das einzige Statement, was in dem Moment auf dem Spielfeld zu erkennen ist.

Auf den Rängen im Stadion fließen bittere Tränen. Vor Anpfiff hatten Ordner einem Fan ein Transparent abgenommen. Auf dem stand eine der wichtigsten Parolen der Demonstrantinnen und Demonstranten zu Hause im Iran: Frauen, Leben, Freiheit.

Im Iran gehen die Proteste weiter

Unterdessen gehen im Land die Proteste weiter: Sie seien durstig nach dem Blut der Führer, rufen sie heute Morgen bei einer Demonstration in Zahedan im Südosten. Fußball und die WM in Katar ist für die meisten kein Thema in diesen Tagen.

Mindestens 400 Menschen seien seit Mitte September ums Leben gekommen, sagen Menschenrechtsorganisationen, darunter 40 Kinder. In den Gefängnissen sollen Demonstrantinnen und Demonstranten gefoltert und vergewaltigt werden. Mindestens sechs sind zum Tode verurteilt. Die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen (UN) hat gestern in Genf beschlossen, Menschenrechtsverletzungen untersuchen zu lassen.

Irans Außenminister Hussein Amirabdollahian spricht in seiner Antwort auf die UN-Resolution, die Deutschland mit eingebracht hatte, vom Berliner Regime, das innenpolitische Spiele spiele. Das dürfte sich auf die Demonstration in Berlin vergangenen Monat beziehen. 80.000 Teilnehmer hatten ihre Solidarität mit den Protesten bekundet und teils auch Druck auf die Bundesregierung ausüben wollen.

War Ghafouris Festnahme eine Warnung?

Das Regime in Teheran scheint das alles nicht zu beeindrucken. Gestern hat es Voria Ghafouri festnehmen lassen. Der Kurde und frühere iranische Fußballnationalspieler kritisiert die Regierung regelmäßig, besucht auch Beerdigungen von Opfern der Proteste. Für die WM in Katar war er nicht nominiert.

Viele sehen in seiner Festnahme nur einen Tag vor dem zweiten WM-Spiel des Irans eine Warnung für seine Mannschaftskameraden, die mitfliegen durften. Es könnte ihnen, wenn sie in den Iran zurückkehren, ähnlich gehen.

Aus "Team Melli" wurde "Team Mullah"

Vielleicht waren die aber auch einfach nur enttäuscht über die Reaktion der Demonstrantinnen und Demonstranten auf ihr Schweigen bei der Hymne vor dem ersten Spiel. Statt Sympathien ernten sie Spott.

Der Spitzname der iranischen Nationalmannschaft lautet "Team Melli". Daraus wurde jetzt "Team Mullah" - eine Anspielung auf deren Besuch beim ultrakonservativen Präsidenten Ebrahim Raisi. Die scheinbar unbeschwerten Fotos davon haben viele Iranerinnen und Iraner einfach nur wütend gemacht.

Im Netz zeigt ein Foto einen Mann hinten auf einem Motorrad - wohl in den Straßen Teherans. Er hat die britische Flagge um die Schultern gebunden. Es ist eine der Flaggen, neben der israelischen und der der USA, die die Menschen normalerweise bei Pro-Regime-Demos verbrennen, auf der sie wütend herumtrampeln. Der Mann riskiert viel - und setzt ein deutliches Zeichen. Die Feinde des Regimes sind nicht die Feinde der Menschen im Iran.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. November 2022 um 14:00 Uhr.