Unterstützer von Ebrahim Raisi feiern nach seiner Wahl zum Präsidenten | AP

Iran nach der Wahl "Herr Raisi hat gesagt, er kümmert sich"

Stand: 24.06.2021 11:52 Uhr

Nach der Wahl Raisis zum Präsidenten des Iran ist die Bevölkerung tief gespalten: Viele sind skeptisch, ob er das Land aus der Wirtschaftskrise führen kann. Andere sehen in Raisi schon den nächsten Ayatollah.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Der Iran bekommt einen neuen Präsidenten: Ebrahim Raisi ist ein ultra-konservativer Kleriker. Es ist einer, den die Führung wollte - und das Volk? Das ist nach der Präsidentenwahl gespaltener denn je. Zwischen tiefer Verzweiflung und grenzenloser Begeisterung nach dem Wahltag liegt in Teheran nur eine Straßenecke.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Auf einer Bühne in der Hauptstadt ruft ein Redner, Netanyahus Todesurteil sei unterschrieben. Die Raisi-Fans auf dem Platz antworten, schwenken Fähnchen und halten das Foto ihres neuen Präsidenten hoch: "Wir feiern, dass Herr Raisi unser Präsident wird," rufen sie. "Das ist Gottes Wille, und dass gute Tage kommen werden. Er hat ja schon in der Justiz gezeigt, was er kann."

"Herr Rouhani hat uns nicht gut behandelt"

Ali ist 45 Jahre alt, er ist ein schmaler Mann mit kantigem Gesicht. Er ist völlig beseelt, scheint weggetragen von einer Welle der Begeisterung auf dem Platz. Seine Kleidung wirkt abgetragen.

Das harte Leben von vielen Menschen im Iran an der Armutsgrenze und darunter hat offenbar auch bei ihm Spuren hinterlassen. "Ich hoffe, sie machen bald was, damit wir es im Alltag leichter haben. Das wäre ein Wendepunkt. Im Moment ist es für alle sehr schwer. Viele leiden Hunger. Herr Rouhani hat uns nicht gut behandelt. Dabei hatten ihm die Leute vertraut. Herr Raisi hat gesagt, er kümmert sich als erstes um unsere Probleme mit dem Lebensunterhalt."

"Keine Kraft mehr, weil jeder Hunger leidet"

Nur eine Straßenecke weiter ist eine winzige Schneiderei: Gerade mal eine Nähmaschine und ein Bügeltisch passen rein, dazu Regale an der Wand mit Garn in wenigen Farben und eine Kleiderstange, an der ein Jackett ohne Ärmel baumelt. Rahim spekuliert mit dem Schneider Mohsen über Raisis künftiges Kabinett.

Rahim schimpft, er hält keinen der gehandelten Namen für kompetent. Mohsen hat sich vor einem Monat mit seinen Gerätschaften hier in den kleinen Raum gezwängt, vorher hatte er eine größere, schönere Schneiderei erzählt der 49-Jährige. Aber das Geschäft lief nicht mehr. Sein Gesicht wirkt fahl, seine Mundwinkel hängen tief.

Er wirkt verbittert und erschöpft, ohne Kraft, gegen all das aufzubegehren: "Die Menschen haben keine Kraft mehr, weil jeder Hunger leidet. Sie denken nur noch daran, wie sie Essen für ihre Frau und ihre Kinder besorgen können. Das wird so bleiben, die nächsten 50 Jahre, weil es so viele ignorante Leute in unserem Land gibt." Er dürfte Raisi und seine feiernden Fans um die Ecke meinen.

"Mein Land schickt Geld in den Irak, nach Syrien"

Ein Kunde kommt herein. Er zieht ein T-Shirt zum Ändern aus einer Tüte. Mohsen fängt an, eine Naht aufzutrennen. Dabei wird sein Frust noch größer: "Ich schlafe nachts mit leerem Magen, damit meine Kinder nicht hungern müssen", klagt er. "Aber mein Land schickt Geld in den Irak, nach Syrien, in den Libanon und nach Palästina. Wie kann das sein, während sie uns erzählen, dass wir wegen der Sanktionen kein Geld haben? Woher kommt dieses Geld dann?"

Viele Iraner haben immer weniger Verständnis für das Engagement und die Unterstützung von Kämpfern ihres Landes in der Region. Weder der Schneider Mohsen noch Rahim haben bei der Präsidentenwahl abgestimmt. Sie gehören damit zur Mehrheit der Iraner.

Der Traum vom Ayatollah Raisi

Ali, der feiernde Raisi-Fan, verdreht die Zahlen, was die Wahlbeteiligung angeht: "51 Prozent sind doch ganz gut, das hatten wir gar nicht erwartet. Damit kann man doch zufrieden sein."

Für den 45-Jährigen ist die Welt an diesem Abend in Ordnung, der Kampf im Alltag vergessen. Und er träumt schon, dass Raisi nicht nur Anfang August Präsident des Iran wird, sondern auch bald den Obersten Führer Aytollah Khamenei beerbt. "Das wäre die beste Wahl, weil ihm jeder vertraut. Er wird zum Ayatollah Raisi gewählt werden." Er ist voller Stolz an diesem Abend, der sich für ihn historisch anfühlt.

Schneider Mohsen näht die letzte Naht, bevor der Kunde das T-Shirt wieder abholt. Wann der nächste Auftrag kommt, er weiß es nicht.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 20. Juni 2021 um 13:04 Uhr.