Ein Mann steht vor einem Regal in einem iranischen Supermarkt | AFP

Wirtschaftliche Lage im Iran Krieg und Sanktionen wirken doppelt

Stand: 17.05.2022 13:24 Uhr

Auch der Iran spürt die wirtschaftlichen Folgen des Ukraine-Kriegs. Doch weil das Atomabkommen auf Eis liegt, wirken zusätzlich Sanktionen gegen Teheran. Die Unzufriedenheit der Menschen wächst.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul, zurzeit Teheran

Eine Bäckerei im Norden Teherans. Weder seinen Namen noch den seines Ladens will der Besitzer in diesem Bericht lesen. Die Teheraner sind vorsichtig, wenn es um Problemthemen geht. Im vergangenen Monat sei Mehl "um das Neunfache teurer geworden", beklagt sich der Bäckermeister. Jedoch habe er die Preise für Brot nicht um denselben Faktor erhöht, denn dann würde keiner mehr bei ihm kaufen. Die Kunden müssten für die Ware "nur etwa 100 Prozent mehr bezahlen", erklärt er.

Oliver Mayer-Rüth ARD-Studio Istanbul

Eine Frau beschwert sich, sie sei gezwungen, jetzt weniger Weißbrot und stattdessen traditionelles Fladenbrot zu kaufen. Ein anderer Kunde schimpft, nicht nur das Brot, sondern alle Lebensmittel hätten sich rapide verteuert. Im Norden der iranischen Hauptstadt lebt die eher wohlhabende Mittelschicht. Zwar spüren sie hier die Inflation, doch der Ärger hält sich noch in Grenzen.

Berichte über massive Proteste im Land

Ganz anders die Stimmung in verschiedenen ärmeren Provinzen im Süden des Landes. Seit mehr als einer Woche gehen Iraner dort aufgrund der deutlichen Preiserhöhungen auf die Straße. Bei Zusammenstößen mit Sicherheitskräften soll es Tote gegeben haben. Obwohl das Internet in den Provinzen offenbar gedrosselt wird, teilen Aktivisten immer neue Videos von Demonstrationen in den sozialen Medien. Danach kam es kürzlich in der Stadt Schahre-Kord in der südwestlich von Isfahan gelegenen Provinz Chahar Mahal o Bakhtiari zu Protesten.

Vergangenen Freitag meldete die staatliche Nachrichtenagentur Irna, es hätten sich am Vorabend 50 Personen in Durut, einer Stadt in der Provinz Lorestan, versammelt und gefordert, die Lebensmittelpreise müssten wieder reduziert werden. Einige Protestteilnehmer, so die Nachrichtenagentur, hätten Unruhe stiften wollen. In der Stadt Iseh, die in der Provinz Khuzestan liegt, kam es laut Irna zu Übergriffen. Demonstranten sollen versucht haben, eine Moschee in Brand zu setzen. Läden seien beschädigt worden. Iranische Sicherheitskräfte hätten jedoch sämtliche Demonstrationen beenden können, so die Nachrichtenagentur. 

Teheran verbreitet weiter russische Version über den Krieg

Wie überall auf der Welt bekommt auch Iran die Auswirkungen des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine zu spüren. Gut die Hälfte des von Iranern verbrauchten Speiseöls kam bisher aus der Ukraine. Seit Ende Februar stocken die Lieferungen, was deutliche Preiserhöhungen zur Folge hatte. Die iranische Regierung hält dennoch am russischen Narrativ einer Militäroperation fest. Im staatlichen Fernsehen heißt es, Moskau verteidige sich gegen das expandierende westliche Militärbündnis NATO.

Bereits vor den Protesten führten die Preiserhöhungen zu Reaktion im iranischen Parlament. So forderte Hojatolla Firuzi, Abgeordneter aus der südiranischen Stadt Fasa, die Regierung müsse die Inflation kontrollieren und für die Bedürfnisse der Menschen sorgen, indem man die Preise stabil halte. Sein Parlamentskollege Mohammad Wahidi aus der an der turkmenischen Grenze gelegenen Stadt Bujnurd mahnte, die Preiserhöhung setze allein die arme Bevölkerungsschicht unter Druck.

Ein neuer Atom-Deal würde wohl helfen

Ebrahim Raisi, Präsident des Iran, gab sich am vergangenen Freitag bei einem Marktbesuch in Teheran volksnah. Solange er lebe, so versicherte er, werde er nicht erlauben, dass die Menschen unter der Preiserhöhung litten. Bereits vor seiner Wahl im vergangenen Juni hatte Raisi versprochen, dass er der geeignete Mann sei, um die Armut des Landes in den Griff zu bekommen.

Auch wenn es sich bisher vor allem um Proteste im ärmeren Süden des Landes handelt, dürfte die Regierung diese genau beobachten. 2019 kam es aufgrund stark gestiegener Treibstoffpreise zu anhaltenden landesweiten Protesten mit mehr als 200 Toten.

Eine Möglichkeit wäre wohl, endlich bei den Verhandlungen für eine Neuauflage des Atomdeals zu einem Abschluss zu kommen, so dass westliche Sanktionen aufgehoben werden. Dann könnte Iran wieder deutlich mehr Öl verkaufen. Doch offenbar bremst der russische Präsident Wladimir Putin, dessen Unterhändler mit am Verhandlungstisch sitzen und den russischen Einfluss auf Teheran geltend machen.