Eine Iranerin beteiligt sich vor dem US-Konsulat in Frankfurt an einer Demonstration gegen das politische Regime im Iran. | dpa
Interview

Frauenproteste im Iran "Zeigen, dass wir nicht mehr weggehen"

Stand: 21.09.2022 18:03 Uhr

Die von Frauen getragenen Proteste im Iran erreichen eine neue Dimension: Viele fordern offen das Ende der Islamischen Republik. Eine Teilnehmerin spricht über ihre Ziele - und berichtet vom brutalen Vorgehen der Polizei.

Wer auf die Straße geht, riskiert viel im Iran: Fünf Demonstranten und ein Polizist sollen nach iranischen Medienberichten bereits getötet worden sein. Es gibt Berichte von zahlreichen Festnahmen und massiver Polizeigewalt. Demonstrantin "Samira" ist Ende 20 und arbeitet im sozialen Bereich - zu ihrem Schutz nennt sie ihren wirklichen Namen nicht. Der Tod der 22-jährigen Mahsa Amini in Polizeigewahrsam vergangene Woche habe sie schockiert und dazu bewegt, sich von Tag eins den Protesten anzuschließen, sagt sie.

ARD: Sie gehen seit einigen Tagen zum Demonstrieren auf die Straße. Können Sie schildern, was sich da abspielt?

Samira: Am ersten Tag, als ich auf der Straße war, wurden wir plötzlich von Polizisten eingekesselt. Sie haben mit ihren Schlagstöcken auf uns eingeprügelt. Dann wurden wir verfolgt, sie haben Tränengas und Pfefferspray auf uns gesprüht. Ich musste mitansehen, wie mehreren Menschen mit Schlagstöcken so stark auf den Kopf geprügelt wurde, dass sie schwer verletzt zusammenbrachen.

Es waren sehr viele Sicherheitsleute in Zivil da - sie haben sich erst als Demonstranten unter uns gemischt und plötzlich zugeschlagen. Ich habe gesehen, wie sie mehrere Leute in meiner Nähe festnehmen wollten. Wir haben versucht, sie zu retten, aber wir konnten nur eine Person losreißen. Anschließend sind wir in einen Park gerannt und dort haben wir unsere Kopftücher angezündet. Das hat mir richtig Freude und Erleichterung bereitet.  

"Jeden Tag Angst, dass ich verhaftet werde"

ARD: Auf vielen Videos sieht man, wie Frauen das tun. Viele Protestteilnehmer rufen Slogans wie "Tod Khamenei", verwünschen also den Obersten Führer im Land. Auf all das steht in der Islamischen Republik im schlimmsten Fall die Todesstrafe. Haben Sie keine Angst?

Samira: Doch. Das ist gefährlich. Sehr sogar. Glauben Sie nicht, dass ich keine Angst habe. Ich habe große Angst. Seit diesem Abend, an dem Mahsa Amini gestorben ist und direkt danach, als die ersten Menschen auf die Straße kamen, habe ich nicht mehr richtig geschlafen. Ich mache mir Sorgen um meine Mitmenschen. Und ich habe jeden Tag große Angst, dass ich verhaftet werde. Ich habe Angst geschlagen zu werden, sogar Angst, dass ich getötet werde.

ARD: Und dennoch gehen Sie auf die Straße. Das heißt, sie sehen keine andere Möglichkeit?

Samira: Genau. Wir Menschen im Iran haben keine andere Möglichkeit mehr, als auf die Straße zu gehen. Und derzeit fühle ich eine große Solidarität und Rückendeckung unter den Demonstranten. Als ich mich am ersten Tag auf die Straße gewagt habe, empfand ich sogar ein Gefühl der Geborgenheit. Es war ein Gefühl der Freude, als ich sah, dass immer mehr Menschen kamen. Viele hatten das angekündigt, und als ich dann ankam, war ich überwältigt, weil tatsächlich so viele Menschen gekommen waren.

"Die da oben müssen Rückzieher machen"

ARD: Glauben Sie, Ihr Protest wird erfolgreich sein?

Samira: Ich persönlich denke, man muss direkt vor denen (Anm. der Red.: den Sicherheitskräften) stehen, um klar und deutlich zu zeigen, dass wir keine Angst mehr haben, dass wir nicht mehr weggehen und dass die "da oben" diejenigen sind, die endlich einen Rückzieher machen müssen.

ARD: Das ist Ihre Forderung?

Samira: Ja, wenn Sie mich fragen, was ich verlange, dann sage ich es ganz direkt: Dass die Islamische Republik verschwindet. Komplett.

Das Gespräch führte Katharina Willinger, ARD-Studio Istanbul

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 20. September 2022 um 10:00 Uhr.