Irakische Binnenvertriebene im Lager Hasansham (Archivbild vom Dezember 2020). | AFP
Reportage

Binnenvertriebene im Irak "Zu Hause halten sie uns für Terroristen"

Stand: 09.05.2021 02:59 Uhr

Zehntausende Binnenvertriebene im Irak leben in Notlagern. Bagdad will sie schließen - doch zurück in ihre Heimatstädte wagen sich viele Bewohner auch Jahre nach dem Ende des IS nicht.

Von Simon Riesche, ARD-Studio Kairo

Wenn der 31 Jahre alte Mahmoud Mohamed Ali vom Schicksal seiner Großfamilie erzählt, liegt Verzweiflung in seiner Stimme. Der Ort, an dem sie seit Jahren hausen, besteht aus Zeltplanen, Containern und Stacheldraht. Dass sie Angst haben, diese triste Umgebung zu verlassen, macht klar, wie ausweglos die Lage für sie scheint.

Mahmoud und seine Familie leben in "Jeddah 5", einem Notlager in der irakischen Provinz Ninive. Die Regierung in Bagdad will es schon bald komplett schließen lassen, genau wie alle anderen noch verbliebenen Camps in den von ihr kontrollierten Landesteilen. Dutzende Zeltstädte habe man in den letzten vier Monaten bereits dicht gemacht, sagt Karim al-Nouri vom irakischen Migrationsministerium.

Was bedeutet das für die Betroffenen? Das Dorf, in dem sie früher einmal lebten, sei, obwohl geographisch gar nicht weit entfernt, leider "unerreichbar", sagt Mahmoud: "Die Nachbarn glauben, dass Leute wie wir zu Daesh gehören". Daesh - so bezeichnen viele arabischsprachige Menschen die Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS). "Zuhause halten sie uns für Terroristen" ist eine Aussage, die man von vielen Binnenvertriebenen im Irak hört.

Zum Aufbruch aus dem Lager gedrängt

Mahmoud sagt, seine Familie gehöre zu den letzten paar Hundert Familien, die im Camp "Jeddah 5" ausharren. Die, die bereits gegangen sind, seien zum Aufbruch gedrängt, ja sogar gezwungen worden, hätten nur ein paar Tage zum Packen bekommen. "Jetzt leben sie wieder irgendwo im Zelt, nur eben völlig ohne Unterstützung", sagt er.

Glaubt man der irakischen Regierung, dann gibt es überhaupt keine Probleme: Alles geschehe auf freiwilliger Basis, die Rückkehrer würden angemessen unterstützt. Ja, man versuche einen Schlussstrich unter das humanitäre Dauerthema Binnenvertriebene zu ziehen, heißt es aus dem Migrationsministerium - auch um "zu vermeiden, dass es politisch instrumentalisiert" werde, "etwa im Wahlkampf".

Camp-Bewohner erzählen, man bekomme von der Internationalen Organisation für Migration, die mit der irakischen Regierung zusammenarbeitet, ein paar Hundert Dollar angeboten, wenn man sich bereit erkläre, das Lager zu verlassen. Das helfe aber nicht, wenn man als Rückkehrer in der Heimat um sein Leben fürchten müsse und von lokalen Machthabern drangsaliert werde.

Zerstörungen in Mossul | Björn Blaschke

Mossul in der irakischen Provinz Niniveh ist vielerorts noch schwer zerstört. In den Vertriebenenlagern der Provinz sitzen Tausende Menschen fest. Bild: Björn Blaschke

Selbstjustiz und Stammesrecht an vielen Orten

Zehntausende Menschen sind in den Wirren rund um die militärische Niederlage des IS vor drei Jahren im Irak zu Vertriebenen geworden. Wer damals flüchtete, weil er tatsächlich Verbindungen zu den Islamisten hatte und wer einfach nur im Land umherirrte, weil Haus und Hof zerbombt waren, lässt sich von unabhängiger Seite rückblickend schwer aufklären.

Die allermeisten Bewohner des Lagers hätten hier nie Kontakt zu irgendeiner Terrorgruppe gehabt, sagt Taha Ahmed, der sich als "Mukhtar", also als eine Art Anführer, für die Belange anderer Menschen im Camp einsetzt. "Die vielen Frauen und Kinder hier sind sowieso unschuldig, das sollte doch wohl allen klar sein", sagt er. "Leider droht auch ihnen Gewalt und Hass, wenn sie in ihre Heimat zurückgehen."

Dass auf lokaler Ebene im Irak, wo vor allem Stammesführer Entscheidungen treffen, Selbstjustiz und Sippenhaft an der Tagesordnung stünden, räumt auch der Regierungsbeamte al-Nouri indirekt ein. Natürlich sei aber nur der staatliche Sicherheitsapparat dafür zuständig herauszufinden, wer ein Terrorist sei und wer nicht: "Das letzte Wort", sagt er, habe in einem Rechtsstaat immer "die Justiz".

Hilfsorganisation wagen kaum Kritik

Camps zu schließen, bevor ihre Bewohner willens oder in der Lage sind, in ihre Heimat zurückzukehren, trage nicht dazu bei, die Vertreibungskrise zu beenden, warnte dagegen Jan Egeland, Generalsekretär der internationalen Hilfsorganisation Norwegian Refugee Council bereits im November.

Auch Amnesty International kritisierte damals sowohl die Regierung in Bagdad als auch die kurdische Autonomie-Regierung im Norden des Landes. Binnenflüchtlinge würden im Irak ohne Beweise als angebliche IS-Kämpfer "stigmatisiert" und litten massiv unter "Schikane und Einschüchterung".

Seitdem ist wenig öffentliche Kritik zu vernehmen. Zahlreiche Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisation bestätigen aber auf Anfrage des ARD-Studios Kairo, dass sich die Lage vor Ort nicht gebessert habe. Im Gegenteil, man sei weiterhin entsetzt. Gleichwohl wollen sie nicht namentlich genannt werden. Zu groß ist die Sorge, von der Politik an der Arbeit gehindert zu werden.

Mahmoud und seine Familie bereiten sich unterdessen auf das Unausweichliche vor. Dass das Lager "Jeddah 5" geschlossen wird, sei nur noch "eine Frage der Zeit", meint er. Wo sie hingehen, wenn das Camp schließt, wissen sie weiterhin nicht.