Beamte präsentieren Koffer voller Geld, die sie bei Indonesiens Sozialminister Juliari Batubara sichergestellt haben (Bild vom 6.12.2020). | AP

Korruption in Indonesien Erst Hummer, dann Corona-Hilfen

Stand: 09.12.2020 20:03 Uhr

Viele Indonesier sammeln Spenden, um in der Corona-Krise Bedürftigen zu helfen - und der Sozialminister wird mit Koffern voller Geld aufgegriffen. Die Korruption hat das Land fest im Griff.

Von Lena Bodewein, ARD-Studio Singapur

Die Berichte im indonesischen Fernsehen und im Netz häufen sich. Bilder von Koffern voller Geld laufen in Endlosschleife: Korruption, Ministerrücktritte - Experten und Behördenvertreter stehen Rede und Antwort zu den jüngsten Fällen in Indonesien, zumindest zu denen, die am meisten Aufsehen erregen. Erst Hummer, dann Corona-Hilfen.

Lena Bodewein ARD-Studio Singapur

Zunächst wurde der Fischereiminister Edhy Prabowo unter Korruptionsverdacht festgenommen. Er hatte in diesem Jahr eine Verordnung zum Exportverbot von Hummerlarven außer Kraft gesetzt. Die Antikorruptionskommission KPK vermutet, dass er bestochen wurde, um das Verbot zu kippen. Prabowos Amtsvorgänger und Fischereiexperten sehen die Nachhaltigkeit gefährdet, wenn Hummerlarven unbegrenzt beispielsweise nach Vietnam exportiert werden können.

Dann, und das erregt die Gemüter in diesen Zeiten der Corona-Krise, soll sich ausgerechnet der Sozialminister an Corona-Hilfen bereichert haben. Juliari Batubara wurde festgenommen, da er Bestechungsgelder in Millionen­Dollar-Höhe kassiert haben soll, dabei ging es um die Verteilung von Corona-Hilfspaketen.

Indonesiens Sozialminister Juliari Batubara. | AFP

Indonesiens Sozialminister Juliari Batubara soll kofferweise Bestechungsgeld erhalten haben. Bild: AFP

92 Prozent der Indonesier halten Korruption für Problem

Indonesien ist das Land in Südostasien, das am stärksten von der Pandemie betroffen ist: Bisher gab es 18.000 Tote und fast 600.000 Infektionen. Wegen der Größe des Landes - 260 Millionen Menschen leben auf 18.000 Inseln verteilt - ist das Virus hier schwer in den Griff zu bekommen. Während viele Bürger Indonesiens Spenden sammeln, um betroffenen Mitbürgern zu helfen, landen Koffer und Rucksäcke voller Geld beim Sozialminister. Das macht die Menschen wütend.

Und es ist ein weiterer Rückschlag für Indonesiens Präsident Joko Widodo, kurz Jokowi: Er war 2014 unter anderem wegen seines Versprechens gewählt worden, die Korruption in Indonesien zu bekämpfen. 92 Prozent der Indonesier halten die Korruption von Beamten für ein großes Problem, das besagt eine neue Studie von Transparency International. Das ist der höchste Prozentsatz in Asien, vor Indien oder Malaysia etwa.

Daher hat die Antikorruptionskommission KPK eine schwere Aufgabe. Anfang der 2000er-Jahre wurde sie gegründet, sie sollte mit der allumfassenden Korruption nach der jahrzehntelangen Herrschaft von Diktator Suharto aufräumen. Als sie im vergangenen Jahr per Gesetz in ihrer Macht geschwächt werden sollte, gingen viele auf die Straße, vor allem Studenten.

Sie sehen Indonesien in den Händen einer korrupten Wirtschafts- und Politikerelite, die abgehoben vom Rest der Gesellschaft als gewissenlose Schicht über Indonesiens Kapital verfügt, seine Natur zerstört, für Waldbrände und die Rodung der Regenwälder für Plantagen verantwortlicht ist. Bei den Protesten starben drei Demonstranten, doch das Gesetz trat in Kraft. Die KPK verlor ihre Unabhängigkeit und einen Großteil ihrer Befugnisse.

Autokennzeichen, Baugenehmigungen, Abholzungen

Besonders viele junge Indonesier sind frustriert und schämen sich für ihr Land, in dem Korruption eine Alltäglichkeit zu sein scheint - fast ein Drittel aller Befragten haben laut Transparency International in den vergangenen zwölf Monaten mindestens ein Bestechungsgeld gezahlt, um eine öffentliche Dienstleistung in Anspruch nehmen zu können. Das geht von Autokennzeichen bis zu Baugenehmigungen oder Abholzungen.

Ein Fabrikbesitzer, der einen Wald roden will, lässt Geldgeschenke an die Forstbeamten verteilen. "Nimm, das machen doch alle, ist doch normal", sagt der Handlanger. So zeigt es ein Kurzfilm im Auftrag der Antikorruptionskommission. Der gierige Bürgermeister kassiert am meisten dafür, dass er den Fiesling gewähren lässt - er scheint den Titel des Films nicht zu kennen: "Korruption zulasten der natürlichen Ressourcen ist Korruption auf Kosten der Zukunft des Landes".

In dieser Fiktion werden der Bürgermeister und der Fabrikbesitzer verhaftet, weil ein aufrechter Forstbeamter die Bestechung gemeldet hat. In der Realität wurde sogar der Sozialminister mit Koffern voller Geld erwischt. Wenn selbst er bestechlich ist, fragen viele Indonesier, wo soll es mit dem Land dann enden?

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 09. Dezember 2020 um 10:51 Uhr.