Schüler meditieren im Glücksunterricht einer 7. Klasse in Neu-Delhi (Indien). | Sebastian Manz
Reportage

Glücksunterricht in Indien "Viel mehr Zusammenhalt und Höflichkeit"

Stand: 05.08.2022 13:21 Uhr

In Neu-Delhis Schulen ist das Unterrichtsfach "Glück" fester Teil des Lehrplans. Disziplinen wie Achtsamkeit, wertschätzende Kommunikation und kritisches Denken führen zu positiven Veränderungen bei den Kindern, beobachtet ein Lehrer.

Von Sebastian Manz, ARD-Studio Neu-Delhi

Zu Beginn der Unterrichtsstunde Glück an einer Gesamtschule in Neu-Delhi ist nur das Plätschern des Monsun-Regens vor den Fenstern zu hören und ein wenig Murmeln aus anderen Klassenzimmern. Die 25 Schülerinnen und Schüler der siebten Klasse sitzen schweigend und mit geschlossenen Augen auf ihren Stühlen. Sie meditieren, wollen sich erst mal gedanklich sammeln. Nach ein paar Minuten beginnt der hörbare Teil des Glücksunterrichts.

Achtsamkeit und kritisches Denken

Lehrer Amesh Kumar war anfangs etwas unsicher, was er von der Sache halten sollte. Vor vier Jahren führte die lokale Schulbehörde Happiness-Classes, also Glücksunterricht, an allen Schulen Neu-Delhis ein. Einmal täglich üben sich seither alle Schülerinnen und Schüler in Disziplinen wie Achtsamkeit, wertschätzende Kommunikation - aber auch kritisches Denken. 

Der Lehrer bemerkt positive Veränderungen bei den Kindern. "Früher gab es oft Handgreiflichkeiten. Die Kinder haben auch so gut wie nichts von sich offenbart. Mittlerweile herrscht viel mehr Zusammenhalt und Höflichkeit untereinander", erzählt Kumar.

Diskussionen über persönliche Werte

Seine Siebtklässler lässt er heute die Frage diskutieren, was Geld über den Charakter einer Person aussagt. Diskussionen über persönliche Werte sind Teil des Glücksunterrichts, aber auch offene Gespräche über Ängste oder Bedürfnisse. Hier soll alles auf den Tisch, was sonst zu kurz kommt.

"Im Glücksunterricht gibt es ein Prinzip: Jeder hat Recht. Niemand hat Unrecht. Jedes Kind ist in Ordnung. Deshalb fühlen sie sich ermutigt, ihre Erfahrungen zu schildern", erklärt der Lehrer.

Zunahme von Depressionen und Suiziden

Nach einer vierjährigen Testphase ist Glücksunterricht nun dauerhaft Teil des Lehrplans in Neu-Delhi. Auch andere indische Bundesstaaten sind mittlerweile interessiert. Swati Chaurasia hat das Programm mitentwickelt und sieht dringenden Bedarf im ganzen Land: "Wir haben eine Menge sozialer und emotionaler Probleme bei unseren Kindern identifiziert. Depressionen und sogar Suizide haben zugenommen." Mittlerweile seien schon die Kleinsten einem gewaltigen Leistungsdruck ausgesetzt. Deshalb habe man beschlossen, "einen Lehrplan zu entwickeln, der dem etwas entgegensetzt".  

Eine Menge für das Leben lernen

Das Konzept scheint seine Wirkung zu zeigen. Das bestätigen auch die Schülerinnen und Schüler. "Wir unternehmen Dinge, die uns wichtige Werte vermitteln. So habe ich schon eine Menge für das Leben gelernt", sagt eine Schülerin. Und ein Schüler erzählt: "Meine Konzentration ist viel besser geworden. Ich bin so dankbar für den Unterricht hier. Ich kann das kaum in Worte fassen."

Der Glücksunterricht endet dann, wie er begonnen hat: Die Schülerinnen und Schüler haben die Augen geschlossen und meditieren. Im Klassenzimmer ist wieder nur noch der Monsun-Regen zu hören.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova am 05. August 2022 um 11:50 Uhr.