In Neu-Delhi (Indien) tragen Kunden Sauerstoffflaschen aus einer Nachfüllstation | EPA

Corona-Krise in Indien Der Schwarzmarkt für Sauerstoff boomt

Stand: 03.05.2021 11:22 Uhr

Der dramatische Sauerstoff-Mangel hat in Indien den Preis auf dem Schwarzmarkt in astronomische Höhen getrieben. Verzweifelt suchen Inder nach Möglichkeiten, Sauerstoff selbst herzustellen - ein riskantes Vorhaben.

Von Oliver Mayer, ARD-Studio Neu-Delhi, zurzeit Frankfurt a.M.

"Wer ist noch auf der Suche nach einer Sauerstoffflasche?" Solche Nachrichten geistern zurzeit durch diverse WhatsApp-Gruppen in Indien. Oft verbunden mit einem Angebot, das bis zu 30 mal höher als der reguläre Marktpreis liegt. Wo die Flaschen normalerweise zwischen acht bis elf Euro kosten, werden sie sie momentan für bis zu 300 Euro verkauft. Und selbst wer bereit ist, diesen Betrag zu zahlen, muss oft feststellen, dass die gewünschte Flasche schon weg ist.

Oliver Mayer ARD-Studio Neu-Delhi

Die Situation ist so bedrohlich, dass viele Menschen versuchen, den Sauerstoff eigens zu produzieren. Auf Google trendet in Indien in diesen Tagen die Suchanfrage "Wie stelle ich Sauerstoff zuhause her?" YouTube-Videos, in denen der Vorgang beschrieben wird, haben Hunderttausende Klicks. "Das Risiko ist groß, dass dabei gefährliche Gase eingeatmet werden können oder die Flasche im schlimmsten Fall sogar explodieren kann", sagt A.K. Ravikumar von der Indian Medical Association (IMA) in Tamil Nadu.

Vom Bedarf überrascht

Im ganzen Land herrscht eine gravierende Knappheit an Sauerstoff. Auch in den vergangenen Tagen sind wieder viele Menschen in Krankenhäusern gestorben, weil sie nicht mehr mit Sauerstoff versorgt werden konnten. Normalerweise verbrauchen die Kliniken etwa 900 Tonnen Sauerstoff pro Tag, in den jetzigen Zeiten benötigen sie die achtfache Menge, also rund 7200 Tonnen täglich. "Darauf war hier niemand vorbereitet. Vor allem nicht auf die exponentiell steigenden Zahlen", sagt Moloy Banerjee, Leiter des Bereiches Südasien von Linde, einem der größten Gasproduzenten des Landes.

Das Problem liegt allerdings nicht ausschließlich in der zu geringen Produktionskapazität begründet. Ein weiterer Faktor ist die fehlende Infrastruktur. Flüssiger Sauerstoff muss bei niedrigen Temperaturen gekühlt und in speziellen Tanks transportiert werden. Doch davon gibt es nicht genügend. "Die Lieferkette muss nun so aufgebaut werden, dass aus den entlegenen Regionen der überschüssige Sauerstoff in die großen Städte geschafft werden kann", sagt Siddarth Jain, Vorstandsvorsitzender von Inox Air Products, einem der führenden Sauerstoffhersteller Indiens.

Transport mit allen Mitteln die die Notgebiete

Die Regierung reagiert, indem sie mobile Anlagen zur Sauerstoffherstellung importiert. Außerdem sind nicht-medizinische Unternehmen aufgefordert, derzeit keinen flüssigen Sauerstoff für die Herstellung ihrer Produkte zu benutzen. Mit Lkw und Zügen wird der noch verfügbare Sauerstoff in die Teile des Landes gebracht, die am stärksten betroffen sind. Auch das Militär ist eingespannt und übernimmt viele der Lieferungen.

Vor den Krankenhäusern zeigen sich trotz der Bemühungen noch immer die gleichen Bilder: Zahlreiche Patienten warten darauf, eingelassen zu werden. Von den Schildern mit der Aufschrift "Out of oxygen" - also dem Hinweis darauf, dass kein Sauerstoff mehr vorhanden ist - lassen sie sich nicht abhalten. Ärzte müssen Menschen trösten, deren Angehörige im Sterben liegen. Und können sie dennoch nicht medizinisch versorgen.

In Bangalore (Indien) beladen Krankenhaus-Mitarbeiter ein Fahrzeug mit leeren Sauerstofflaschen | AFP

In Bangalore bringen Krankenhausmitarbeiter leere Sauerstoffflaschen zum Nachfüllen weg - doch das Angebot im ganzen Land ist äußerst knapp. Bild: AFP

Höhepunkt erst Mitte Mai?

Aus der ganzen Welt kommen nun Hilfslieferungen. Über 40 Länder haben bereits Unterstützung angeboten. Auch Deutschland beteiligt sich, hat unter anderem 23 Geräte zur Sauerstoffherstellung und 120 Beatmungsgeräte geschickt. Noch aber bleibt die Lage in Indien äußerst angespannt.

Experten vermuten, dass der Höhepunkt der zweiten Welle erst Mitte Mai erreicht wird. Und dass die Schwarzmarktpreise für Sauerstoff bis dahin noch weiter in die Höhe schnellen.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 02. Mai 2021 um 22:45 Uhr.