Menschen in Schutzanzügen in Neu Delhi | picture alliance / ZUMAPRESS.com

Pandemie in Indien Neu-Delhi - eine Stadt im Corona-Trauma

Stand: 21.05.2021 18:47 Uhr

Die Lage verbessert sich zwar, doch es ist zu viel passiert. Zu viele Familien haben Angehörige verloren. Neben der Trauer fühlen sie Wut, denn das System hat versagt, und Ohnmacht, weil sie so hilflos sind.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

"Schock, Verzweiflung und Hilflosigkeit", am Telefon versucht Abhishek Datta seine Gefühle in Worte zu fassen. Ein Treffen ist derzeit immer noch nicht möglich in Neu-Delhi. Seit fünf Wochen gilt eine Ausgangssperre. Zu Hause kümmert sich Abhishek Datta außerdem um seine Tante, die sich mit Corona infiziert hat. Ende April hat er seinen Vater verloren, einen Tag später seine Großmutter. Beide hatten Corona. "Wir haben die beiden nicht aufgrund ihrer Krankheit verloren, wir haben sie verloren, weil es keinerlei gesundheitliche Versorgung für sie gab", sagt er.

Silke Diettrich ARD-Studio Neu-Delhi

Abhishek Datta kommt aus einer wohlsituierten Familie. Er macht eigentlich gerade seinen Doktor an der renommierten Oxford Universität in Großbritannien. Seine Mutter war vor ihrer Rente Leiterin des indischen öffentlich-rechtlichen Fernsehens, sein Vater im indischen Verteidigungsministerium.

Noch nie musste sich jemand in seiner Familie Gedanken darüber machen, was passiert, wenn jemand krank wird. Sie sind einfach in die beste Privatklinik von Neu-Delhi gegangen und haben eine erstklassige Behandlung gegen gute Bezahlung erhalten.

"Sie haben nicht einmal einen Blick auf ihn geworfen"

Die Tücken des Gesundheitssystems in Indien haben Familien mit Geld bislang nicht zu spüren bekommen. Bis jetzt, im Frühjahr, als sich in Indien täglich mehr als 400.000 Menschen mit Corona infiziert haben, viele davon in den Megastädten wie Mumbai und Delhi. Das unfaire Gesundheitswesen ist auf allen Ebenen kollabiert.

Kein einziger Krankenwagen sei zu erreichen gewesen und in keinem Krankenhaus sei jemand ans Telefon gegangen, berichtet Abhishek Datta. "Ich musste meinen Vater, der schon bewusstlos war, in unser eigenes Auto legen. Wir sind zu Krankenhäusern in der Nähe gefahren. Alle haben uns schon auf der Zufahrt abgewiesen und gesagt, sie hätten keinen Platz, bitte bringen sie ihn woanders hin. Sie haben nicht einmal einen Blick auf ihn geworfen." 

Nach mehreren Stunden hat Abhishek Datta ein Bett für in einer staatlichen Klinik gefunden. Kurz darauf ist sein Vater gestorben. Einen Tag später musste er die grauenhafte Odyssee wiederholen - mit seiner Großmutter. Auch sie ist gestorben. Erst nach dem Tod wurde bei beiden Corona festgestellt. Tagelang hatte die Familie versucht, sich testen zu lassen. Aber selbst einen simplen Corona-Test konnten sie nicht durchführen, die Labore waren tagelang geschlossen wegen Überlastung. 

Von 6500 Patientinnen und Patienten im größten Covid-Krankenhaus von Neu-Delhi seien rund 25 Prozent gestorben, sagt Ritu Saxena, Leiterin der Notaufnahme, dem indischen Nachrichtensender NDTV. Viele Menschen seien zu spät ins Krankenhaus gekommen, ihr Zustand war schon zu kritisch. Familien hätten zu lange gezögert und versucht, ihre Lieben zu Hause zu versorgen. Aber welche Alternative hätten sie gehabt, fragt Abhishek Datta.

Wie im Krieg

"Der Zustand meines Vaters war so kritisch, und alle Kliniken haben gesagt, sie könnten nichts für ihn tun." Bitte gehen Sie woanders hin, habe man zu ihm gesagt. Aber dieses Woanders, das gab es ja nicht, fährt Abhishek Datta fort. In allen Krankenhäusern hätten sie dieselbe Antwort bekommen. Deshalb hätten sie versucht, sämtliche Medikamente und Geräte für zu Hause zu besorgen. Es sei wie im Krieg gewesen. "Du versuchst alles, um dich und deine Familie zu retten, weil das System und der Staat völlig ausgefallen sind."

Die Ausgangssperren in Indien waren Ende vergangenen Jahres fast im ganzen Land komplett aufgehoben worden. Die Regierung hatte verkündet, die Pandemie sei eingedämmt. Völlig ungebremst konnte sich das Corona-Virus im Land verbreiten. Mit neuen Varianten, eine davon, B1.617, hat die Weltgesundheitsorganisation als "besorgniserregend" eingestuft. Die sogenannte indische Variante soll sehr viel ansteckender als zum Beispiel die britische sein, die ja schon als hoch ansteckend gilt.

Jeder dritte Test positiv

Mitte April fiel jeder dritte Test in Neu-Delhi positiv aus. Zu der Zeit wurden nicht nur Verdachtsfälle geprüft, sondern auch zufällig an Bushaltestellen oder Bahnhöfen. Doch da war es schon zu spät. Tagelang kamen von indischen Krankenhäusern SOS-Rufe, es gab keinen Sauerstoff mehr in den Kliniken:

Die Versorgung mit Sauerstoff, das ist doch keine hoch komplizierte medizinische Angelegenheit", beklagt Abhishek Datta die Situation. "Wir wussten seit mehr als einem Jahr, dass Covid die Atemwege angreift und dafür Sorge zu tragen, dass wir darauf vorbereitet sind, hätte das größte Anliegen der Regierung sein sollen. Wir müssen allen Leuten klarmachen, dass diese Krise menschengemacht ist, es ist ein Versagen der Politik und keine natürliche Katastrophe.

Die Neuinfektionen in großen Städten wie Neu-Delhi, Mumbai oder Bangalore sinken nun wieder. An anderen Orten im Land ist der Höhepunkt noch nicht erreicht.

Mehr als 24 Millionen Infizierte - mehr als 290.000 Tote

Es ist kaum möglich, einen gesamten Überblick in Indien zu erhalten, wie viele Menschen sich mit Corona infizieren und wie viele daran sterben. Gesundheitsexperten sind sich vor allem in einer Sache einig: Die Dunkelziffer ist weit höher als die Zahlen der Regierung. Offiziell bestätigt ist, dass sich mehr als 24 Millionen Menschen in Indien bereits mit dem Virus angesteckt haben. Und mehr als 290.000 Menschen an den Folgen gestorben sind. 

Zu viele Menschen, die nicht hätten sterben müssen, sagt Abhishek Datta. Die Familie Datta ist kein Einzelfall in Neu-Delhi. Freunde, Bekannte, Kolleginnen, Nachbarn - sie alle haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Eine Stadt ist in Trauer und Verzweiflung: "Der Tod ist etwas, auf das wir uns vorbereiten. Aber worauf du dich nicht vorbereiten kannst, ist, deine lieben Menschen in einer Situation zu verlieren, in der du machtlos bist. Das größte Trauma für uns ist, dass wir alle so schrecklich hilflos sind."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 21. Mai 2021 um 21:45 Uhr.