Lkw transportieren Kohle aus dem Abbaugebiet Dhscharia in Dhanbad (Indien). | AFP

Energiepolitik Indien setzt noch stärker auf Kohle

Stand: 01.11.2021 14:32 Uhr

Indien kommt von der Kohle nicht los: Um den stetig steigenden Energiebedarf zu decken, genehmigt die Regierung die Erschließung von immer neuen Minen. Die Folgen für die Menschen und die Umwelt sind erheblich.

Von Sabina Matthay, ARD-Studio Neu Delhi 

Nach der Sprengung im Tagebau Balram im indischen Bundesstaat Odisha verteilt sich eine riesige Staubwolke über dem Gebiet und lässt Beobachter selbst in 700 Metern sicherer Entfernung um Atem ringen. Balram ist einer von neun Tagebauen im Talcher Kohlefeld, das dem staatlichen Konzern Coal India gehört. Mehr als sechs Millionen Tonnen Kohle wurden hier 2020 gefördert, 15 Millionen jährlich werden angestrebt.

Sabina Matthay ARD-Studio Neu-Delhi

Die Vorkommen reichten noch 25 bis 30 Jahre, sagt ein Ingenieur, der die Kohle-Förderung im Tagebau Balram leitet. Mehrmals täglich sind hier Sprengteams unterwegs. Ganze Hügelkuppen sind schon verschwunden, um an die Kohleflöze zu gelangen. Seit 2017 ist ein gigantischer Krater entstanden. Riesige Bagger räumen die Kohlebrocken ab.

Riesige Vorkommen, die noch nicht erschlossen sind

Indien sitzt auf immensen Kohlevorkommen, das Land kommt nur schwer von dem klimaschädlichen Brennstoff los. Die Umweltzerstörung, die mit Förderung und Verbrauch von Kohle einhergeht und zum Klimawandel beiträgt, beeindruckt die wenigsten.

Indiens Kohlekraftwerke generieren zwei Drittel des Stroms. Die Dreckschleudern rentieren sich wegen günstiger Abnahmeverträge mit langen Laufzeiten. Im Rahmen des Corona-Wiederaufbauprogramms hat die Regierung gerade die Erschließung von 40 neuen Kohlegruben beschlossen. Schon jetzt hängen viele Jobs an der Kohle.

Zehntausende leben vom Rohstoff

Das Talcher Kohlefeld sei die Lebensader von Zigtausenden, sagt der Gewerkschafter Sudarsan Mohanti. Hier sind 21.000 Menschen direkt beim staatlichen Kohlekonzern beschäftigt, 15.000 bei Subunternehmen.

Den eigenen Beschäftigten, ob Ingenieuren oder Hilfsarbeitern, bietet Coal India Unterkünfte, Krankenversicherung und Schulen für die Kinder. Mindestens 50.000 weitere Jobs hängen nach Mohantis Schätzung von den Tagebauen ab - Zulieferer, Handwerker, Lkw-Fahrer, Eisenbahner.

Der Stromverbrauch wächst stark

Zwar hat sich Indiens Nutzung klimafreundlicher Energieträger seit 2014 deutlich erhöht, doch der Stromverbrauch in dem Schwellenland steigt, Solar- und Windkraft können den Bedarf längst nicht decken. Kohlestrom bleibt deshalb wichtigster Bestandteil der indischen Energieversorgung, sagt der Ingenieur am Tagebau Balram: "Erneuerbare Energien garantieren keine stetige Energiezufuhr, weil die Wetterbedingung sich ständig ändern, deshalb ist ein Energiemix nötig." Die klimaschädliche Kohle hat also Zukunft in Indien. Von einer echten Energiewende ist das Land weit entfernt.

 

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 01. November 2021 um 10:48 Uhr.