Eine Frau in Indien zieht Impfstoff auf | AFP

Corona-Krise in Indien Wenn Impfstoff plötzlich Mangelware ist

Stand: 05.05.2021 13:42 Uhr

Bis zu drei Millionen Immunisierungen pro Tag - im April lief die Impfkampagne in Indien noch wie geschmiert. Doch seit ein paar Tagen stockt der Prozess. Ein Grund: die Großzügigkeit des Landes.

Von Silke Diettrich und Peter Hornung, ARD-Studio Neu-Delhi

Das Max-Hospital im Süden der indischen Hauptstadt, ein großes privates Krankenhaus. In einem Zelt vor dem Gebäude sitzen auf Stühlen etwa 30 bis 40 Männer und Frauen, viele kaum älter als 50 Jahre, manche jünger. Sie warten darauf, geimpft zu werden. Ein Wachmann ruft Wartenummern auf. Erst auf Englisch, dann auf Hindi.

Silke Diettrich ARD-Studio Neu-Delhi
Peter Hornung ARD-Studio Neu-Delhi

Es ist der 1. April, der Tag, an dem Indien seine Impfkampagne deutlich erweitert hat. Alle ab 45 Jahren können nun eine Impfung bekommen. In Indien sind das 300 Millionen Menschen.

Die 48-jährige Erzieherin Sumitra Mallick hat den Termin in der indischen Corona-App gebucht, alles sei ganz leicht gewesen. Es sei sehr wichtig, sich impfen zu lassen, weil die Infektionskette durchbrochen werden müsse, sagt sie.

Gestartet wurde im Januar

Begonnen hatte Indiens Impfkampagne im Januar. Zunächst wurden medizinisches Personal, Polizisten und Feuerwehrleute geimpft, dann die über 60-Jährigen.

Für die Impfungen stehen derzeit zwei Vakzine zur Verfügung: die indische Eigenentwicklung Covaxin und der AstraZeneca-Impfstoff, der im Land unter dem Namen Covishield in Lizenz hergestellt wird.

Im April lief die Kampagne noch gut, zwei bis drei Millionen Menschen am Tag wurden indienweit geimpft. Die indische Regierung trommelte überall, damit sich die Menschen im Land impfen lassen: Auf Plakaten, im Internet und vor jedem Anruf ertönt diese Ansage:

Die Impfung ist sicher und schützt Sie vor Corona. Bitte vertrauen Sie den indischen Impfungen".

900 Millionen Menschen sollen geimpft werden

Am 1. Mai stand dann die nächste Öffnung dieser "größten Impfkampagne der Welt" an, wie sie Indien gerne bezeichnet. Nun haben alle über 18 Jahre Anspruch auf den Stich - 900 Millionen Menschen.

Doch zumindest zu Beginn der neuen Phase ist das vielerorts nur ein theoretischer Anspruch. Es gebe nicht genug Impfstoff, klagen mehrere indische Bundesstaaten, darunter auch die Gesundheitsministerin von Kerala: "Wir haben uns auf die Impfkampagne vorbereitet und auch Mega-Kampagnen gestartet. Wir haben Tausende unserer Mitarbeiter im Gesundheitswesen und Ärzte usw. geschult, um diese Mega-Impfkampagne zu starten, aber es gibt keinen Impfstoff bei uns."

In der Metropole Mumbai stehen die Menschen Schulter an Schulter in der Schlange und warten auf ihre Impfung, bis diese Ansage ertönt:

Die Impfungen sind ausgegangen. Bitte gehen Sie nach Hause und folgen den Anweisungen der Polizei.

Viele Lieferungen an ärmere Länder

Tatsächlich gibt es wohl mehrere Gründe, warum Indiens Impfkampagne ins Stocken geraten ist. Vor allem dem größten Hersteller, dem Serum Institute of India, mangelt es an Rohmaterial. Die USA hatten einen Exportstopp verhängt, der erst in der letzten Aprilwoche aufgehoben wurde. Außerdem hat sich Indien womöglich lange Zeit zu großzügig gezeigt.

Bis Ende März lieferte es große Mengen an Impfstoffen im Rahmen der UN-Initiative Covax an ärmere Staaten - bis eben die Infektionszahlen im eigenen Land explodierten.

Der frühere Spitzendiplomat Pavan Verman sieht das sehr kritisch. "Ich glaube, dass man bei der Entscheidung zum Export von Millionen Impfstoffdosen nicht ausreichend vorweggenommen hat, welchen Bedarf es hier in Indien geben wird", sagt er. Das habe zur augenblicklichen Mangelsituation geführt.

"Wir haben ehrlich mit der Welt gesprochen"

Indiens Außenminister Subrahmanyam Jaishankar sieht das anders: "Es ist ja nicht so, dass wir unser Volk nicht vorziehen würden. Als sich die Lage hier verschlechterte, haben wir ehrlich mit der Welt gesprochen und gesagt: 'Schaut, wir haben uns wirklich bemüht, unsere vertraglichen Verpflichtungen zu erfüllen, unsere Verpflichtungen für Covax. Aber jetzt haben wir eben diese sehr kritische Situation hier bei uns.' Ich glaube, die meisten verstehen das."

Verständnis gibt es durchaus, allerdings warnt die Weltgesundheitsorganisation nun ziemlich eindringlich: Der Impfbedarf in Indien führe zu globalen Engpässen. Das betreffe vor allem ärmere Länder, denn die sollten vor allem den Impfstoff aus Indien beziehen.

Bislang erhalten arme Länder im Vergleich zu den reichen nur bescheidene Mengen an Impfstoffen. Staaten mit großen Impfstoffbeständen sollten daher jetzt schnellstmöglich überschüssige Dosen abtreten. Indien gehört nun erst einmal nicht mehr dazu.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 05. Mai 2021 um 12:00 Uhr.