Rettungsaktion der Indo-Tibetischen Grenzpolizei im Dorf Reni im Distrikt Chamoli, Indien. | AFP

Gletscherabbruch in Indien Erste Überlebende nach Flutwelle gerettet

Stand: 07.02.2021 20:31 Uhr

Im Norden Indiens haben Einsatzkräfte erste Überlebende einer Flutwelle gerettet. Bis zu 200 Menschen werden weiterhin vermisst. Ein Gletscher war zuvor von einem Berg im Himalaya abgebrochen und in einen Fluss gestürzt.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Südasien, zzt. Hamburg

Nach Erdrutschen und Überflutungen im nordindischen Bundesstaat Uttarkhand haben Rettungskräfte unter großem Jubel Überlebende aus den Schlammmassen befreit. Unterschiedlichen Angaben zufolge werden noch bis zu 200 Menschen vermisst, darunter viele Mitarbeiter eines Wasserkraftwerks, das durch herabstürzende Fluten stark beschädigt worden ist. Weiter oben, im Himalaya, war am Morgen ein Gletscher abgebrochen und hatte im Dhauliganga, einem Nebenfluß des Ganges, eine gewaltige Flutwelle ausgelöst.

Bernd Musch-Borowska ARD-Studio Neu-Delhi

Hunderte Rettungskräfte im Einsatz

Hunderte Einsatzkräfte waren den ganzen Tag über im Großeinsatz. Es habe wie in einem Katastrophenfilm aus Bollywood ausgesehen, sagte Puran Singh Rana, ein Augenzeuge aus einem kleinen Ort im Bezirk Chamoli. Er habe so etwas noch nie gesehen. Am Rishiganga-Wasserkraftwerk seien 50 bis 100 Menschen um ihr Leben gelaufen. Doch die Wassermassen hätten sie alle fortgespült.

Auf Filmmaterial, das die Nachrichtenagentur Reuters verbreitete, war zu sehen, wie riesige Mengen Wasser die engen Felsschluchten herabstürzen. Eine gewaltige Wasserwand prallte auf einen der Dämme und brachte ihn zum Einsturz. Den Angaben zufolge wurde nicht nur das Wasserkraftwerk Rishiganga am Fluss Alaknanda zerstört, sondern auch eine weitere Anlage am Fluss Dhauliganga. Schätzungsweise 125 Mitarbeiter des Rishiganga Power Projects würden vermisst, sagte der Regierungschef des Bundesstaates Uttarakhand, Trivendra Singh Rawat. Genaue Zahlen habe die Kraftwerksleitung noch nicht vorlegen können.

Vielerorts Evakuierungen

Viele Ortschaften entlang des Flusses müssen evakuiert werden. Durch die herabstürzenden Wassermassen am Oberlauf des Dhauliganga dürfte es weiter unten, am Fuße des Himalaya, zu weiteren Erdrutschen und Überschwemmungen kommen. So wurden unter anderem die Bewohner von Rishikesh und Haridwar vor den Auswirkungen des Gletscherabbruchs gewarnt.

In Rishikesh, einem bei Touristen aus dem In- und Ausland beliebten Ferienort, wurden alle Wassersport-Aktivitäten eingestellt. Um zehn Uhr am Vormittag habe die Sirene geheult, die vor einer Gefahr warnt, sagte der Bootsbesitzer Prince Chawla einem Reporter der Nachrichtenagentur AP. Es hieß, man müsse mit einer Überflutung rechnen, weil oben im Gebirge ein Gletscher abgebrochen sei. Es sei aber noch nichts zu sehen.

Warum der Gletscher abgebrochen ist, ist noch unklar. Das habe wohl mit dem Klimawandel zu tun, sagte Sonu Thakur, einer der wenigen Touristen in Rishikesh. "Das ist wegen der Erderwärmung und der Luftverschmutzung. Und jetzt bauen sie dort oben auch noch Straßen durch das Gebirge. Das alles macht doch die Natur kaputt."

Personal der Indo-Tibetischen Grenzpolizei bei einer Rettungsaktion, um den Tapovan-Tunnel nach dem Abbruch eines Gletschers im Chamoli-Distrikt von Schutt zu befreien. | AFP

Personal der Indo-Tibetischen Grenzpolizei versuchen einen Tunnel von Schutt zu befreien. Bild: AFP

Forscher seit Jahren alarmiert

Schon seit Jahren warnen Wissenschaftler vor den Auswirkungen des Klimawandels. Sollte der Anstieg der CO2-Emmissionen und der damit verbundene Anstieg der die Erderwärmung nicht gestoppt werden, könnten die Gletscher im Himalaya bis Ende des Jahrhunderts weitgehend verschwunden sein, hieß es in einer vor knapp zwei Jahren veröffentlichten Studie Internationalen Zentrums für Gebirgsentwicklung in Kathmandu.

Die Autoren stellten fest, dass die Eisfelder am Mount Everest und am K2, dem zweithöchsten Berg der Welt, dann als nacktes Gestein sichtbar würden. Selbst im besten Fall, also einer Begrenzung des Temperaturanstiegs auf 1,5 Grad, wie vom Weltklimarat IPCC festgelegt, wäre bis dahin noch ein Drittel des sogenannten ewigen Eises geschmolzen.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell im Hörfunk am 07. Februar 2021 um 18:37 Uhr.