Hinduistische Gläubige im Yamuna-Fluss, auf dem eine dicke Schaumschicht treibt.  | dpa

Umweltverschmutzung in Neu-Delhi Beten und Baden in purem Gift

Stand: 11.11.2021 12:27 Uhr

Er sieht aus wie Schnee: Auf dem durch Delhi fließenden Yamuna wabert weißer Schaum - ausgerechnet während eines religiösen Festes, bei dem Gläubige in dem Fluss baden. Das Problem: Der Schaum ist giftig.

Von Peter Hornung, ARD-Studio Neu-Delhi

Arvend hält ein kleines Töpfchen aus Metall in der Hand, darin Wasser aus dem Fluss Yamuna. Er sei eigens aus dem Bundesstaat Bihar nach Delhi gekommen, sagt er, weil er danken wollte - dafür, dass ein Wunsch in Erfüllung gegangen ist. 

Peter Hornung ARD-Studio Neu-Delhi

"Ich wollte einen Sohn, und der ist nun geboren. Und jetzt bin ich gekommen, um dem Fluss zu danken. Aber ich wusste nicht, dass man nicht baden darf, und deshalb habe ich das Wasser eben abgefüllt.

Baden? Zu gefährlich"

Die Polizei vertreibt jetzt auf Anordnung der Katastrophenschutzbehörde alle, die im Fluss baden wollen - zu gefährlich, heißt es. Arvend aber haben sie durchgelassen - nachdem er ihnen das Töpfchen gezeigt hatte, das er füllen wollte.

"Ich weiß, dass das Wasser giftig ist. Aber das ist unsere Tradition. Wir holen uns das Wasser, bringen es dem Gott dar. Das Wasser dient unserer geistigen Reinigung."

Hunduistische Gläubige am mit Schaum übersäten Yamuna-Fluss | REUTERS

Überall Schaum im Yamuna: Die Behörden versuchen mit Booten den Schaum aufzulösen. Bild: REUTERS

Religiöses Fest mit traditionellem Baden im Yamuna

In dieser Woche wird die 'Chhath Puja' gefeiert, ein religiöses Fest zu Ehren des Sonnengottes Surya, bei dem Gläubige traditionell im Yamuna baden. Doch ausgerechnet seit dem vergangenen Wochenende hatte sich weißer Schaum auf dem Fluss gebildet, in dicken Schichten. Auf den ersten Blick tolle Bilder, die dann auch prompt um die Welt gingen: traditionell bunt gekleidete Frauen in dieser weißen Masse, die aussieht wie Schnee. Doch es ist einfach pures Gift.

Abwässer und Ausflüsse aus Färbereien im Fluss

Das komme davon, dass alles in den Fluss geleitet wird, sagte der Aktivist Varun Gulati. "Ungeklärte Abwässer und die Ausflüsse aus Färbereien werden direkt in den Yamuna geleitet. Jeder kann den Zustand sehen, aber woher genau kommt dieses schmutzige Wasser, das in den Yamuna gelangt? Die Verantwortlichen für dieses Problem sind unsere Regierung, und die unzureichende Wasserreinigung und die Kläranlagen."

1300 Kilometer lang und schmutzig

Der über 1300 Kilometer lange Yamuna ist eines der am meisten verschmutzten Gewässer der Welt - und hier in Wazirabad, einem Stadtteil im Nordosten von Delhi, kommt quasi alles zusammen in Sachen Umweltverschmutzung: das giftige Flusswasser und die gerade im November unfassbar schlechte Luft in der indischen Hauptstadt.

"Habt Angst, habt große Angst", hieß es dann auch im Nachrichtenportal "India Today". Doch von den Behörden kommt nur Schulterzucken.

Schmutziges Wasser aus mehreren Bundesstaaten

Beim Wasser könne man nichts machen, da seien andere Schuld, sagte ein hoher Beamter der Wasserbehörde von Delhi. "Das Wasser kommt aus den Bundesstaaten Uttar Pradesh und Haryana. Es ist so schmutzig, weil es Industrieabfälle, unbehandelte Reinigungsmittel, Schadstoffe und Ammoniak enthält, die den Schaum verursachen. Das sind aber nicht Verschmutzungen oder Industrieabfälle aus Delhi."

Schaum mit Booten auflösen

Wissenschaftler widersprechen hier, Delhi sei sehr wohl einer der Hauptverschmutzer. Die Stadtverwaltung aber ist offenbar vor allem um die Optik bemüht. 15 Boote haben sie nun eingesetzt, um den Schaum aufzulösen. Und ein Reporter der indischen Nachrichtenagentur ANI konnte einen Mann aufspüren, der im städtischen Auftrag einen Wasserschlauch auf Schaumberge hielt.

Er tue das, damit der Schaum verschwinde, sagt er offen. Das Problem ist damit zwar kein bisschen gelöst. Aber zumindest gibt es keine neuen Bilder mehr vom giftigen Pseudoschnee, die um die Welt gehen.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 11. November 2021 um 12:22 Uhr.