Eine Frau wird in einem Gesundheitszentrum in Srinagar, Kashmir gegen das Corona-Virus geimpft, Indien. | AP

Weltgrößte Impfkampagne In Indien sind schon die Mittvierziger dran

Stand: 01.04.2021 16:08 Uhr

Indiens Corona-Impfkampagne tritt in eine neue Phase: Die Regierung macht allen ab 45 Jahren ein Impfangebot - das sind 300 Millionen Menschen. Das ehrgeizige Projekt läuft bisher überraschend reibungslos.

Von Peter Hornung, ARD-Studio Neu-Delhi

Das Max-Hospital im Süden der indischen Hauptstadt Neu-Delhi ist ein großes privates Krankenhaus. In einem Zelt vor dem Gebäude sitzen auf Stühlen etwa 30 oder 40 Männer und Frauen, viele kaum älter als 50, manche jünger. Ein Wachmann ruft Wartenummern auf - erst auf Englisch, dann auf Hindi.

Peter Hornung

Sumitra Mallick ist 48. Die Erzieherin ist mit ihrem Mann Ajay gekommen. Sie hat den Termin in der indischen Corona-App gebucht, alles sei ganz leicht gewesen. "Wir haben gestern gebucht. Man konnte sich die Daten aussuchen, und wir wollten es so früh wie möglich machen", sagt sie. "Es ist sehr wichtig, weil es wichtig ist, die Infektionskette zu durchbrechen. Und wenn es hilft, dass wir uns impfen lassen, damit weniger Menschen infiziert werden - warum nicht?"

Ihr Mann Ajay, 53, denkt ähnlich. "Man hat im Hinterkopf, dass es mit der Impfung sicherer ist. Wenn was passieren sollte, dann wäre es mit der Impfung milder, nicht so schwer." Die Impfung allein werde aber noch nicht aus der Pandemie führen, meint er. "Beides muss gleichzeitig geschehen: Wir brauchen die Impfungen und müssen weiterhin die Abstandsregeln und die anderen Covid-Regeln einhalten. So kommt man aus dem Ganzen raus."

Impfung auch mit indischem Vakzin

Geimpft wird im Max-Hospital mit dem AstraZeneca-Impfstoff, der in Indien unter dem Namen Covishield bekannt ist. Es gibt noch einen zweiten Impfstoff in Indien: das im Land selbst entwickelte Covaxin. Ajay allerdings hat gezielt dieses Krankenhaus ausgesucht, weil er weiß, dass es hier AstraZeneca gibt. Ob ihn die Berichte über schwere Nebenwirkungen irritieren?

"Wir haben davon gehört, dass es Probleme mit Thrombosen geben soll", sagt er. "Aber die indischen Ärzte sind zuverlässig. Und es wurden ja auch schon 60 Millionen Menschen geimpft und nichts ist passiert. Deshalb sehe ich das gelassen. Das kann man nehmen."

Im Krankenhaus selbst geht alles geordnet zu: Wer an der Reihe ist, geht zur Anmeldung, zahlt dort 250 Rupien, umgerechnet drei Euro. In staatlichen Hospitälern kann man sich auch gratis impfen lassen. Das Impfangebot für die Gruppe ab 45 Jahren ist nun die dritte Phase der indischen Impfkampagne, der größten der Welt.

Dem Virus besonders ausgesetzt

1,3 Milliarden Einwohner hat der Subkontinent, 61 Millionen haben bereits beide Impfungen bekommen, weitere 51 Millionen nur die erste Dosis. Zunächst wurden ab Mitte Januar medizinisches Personal sowie diejenigen, die durch ihre Tätigkeit besonders gefährdet sind, geimpft - Polizisten zum Beispiel. Im März waren dann die über 60-Jährigen dran, Jüngere ab 45 nur dann, wenn sie Vorerkrankungen hatten. Jetzt sind also alle ab 45 an der Reihe.

Das sei wichtig, sagt die Ärztin Dr. Sahar Quereshi. "Das ist die Gruppe vom Menschen, die rausgehen, um zu arbeiten. Das sind die, die dem Virus ausgesetzt sind und die Infektion nach Hause bringen. Deshalb sollte diese Gruppe geschützt sein."

Wartende in einem Impfzentrum im Shatabdi Hospital in Mumbai, Indien. | EPA

Wartende in einem Impfzentrum im Shatabdi Hospital in Mumbai. Bild: EPA

Keine Nachschubprobleme beim Impfstoff

Die Impfkampagne der indischen Regierung ist ein extrem ehrgeiziges Unterfangen: Bis Juli sollen alle 300 Millionen Menschen über 45 geimpft sein - dazu müsste es täglich viereinhalb Millionen neue Impfungen geben. Nachschubprobleme beim Impfstoff gebe es für das Max-Krankenhaus jedenfalls keine, sagt Quereshi. "Wir haben genug Impfstoff." Der Nachschub komme immer für eine Woche oder zehn Tage. Man habe noch nie schließen müssen, weil kein Impfstoff da war.

Die Impfungen sind auch dringend nötig, denn die Infektionszahlen stiegen in den vergangenen Tagen rasant. Mehr als 70.000 gemeldete Neuinfektionen gab es gestern - der höchste Wert seit vergangenen Oktober. Es droht eine Überlastung der Krankenhäuser.

Angebot auch für Ausländer

Im Max-Hospital, sagt Quereshi, könne man jedenfalls doppelt so viele Menschen impfen wie im Moment, wo täglich 1000 kommen. "Wir arbeiten von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends und können so täglich 2000 Menschen impfen."

Das Angebot richtet sich dabei auch an Ausländer, die in Indien leben. Chris, eine 50-jährige Deutsche, wartet vor dem Impfraum. "Ich fand das super, dass ich mich gestern anmelden konnte. Das war absolut reibungslos. Heute sind wir hier - vor unseren Eltern daheim. Von daher muss ich sagen: Im Land des Chaos - perfekt organisiert", sagt sie und lacht.

Das Ehepaar Mallick hat seine Impfungen schon bekommen. Jetzt sitzen sie im Ruheraum mit anderen Patienten. Es gehe ihm gut, sagt Ajay, aber heute werde er nicht mehr viel tun. "Ich bleibe zu Hause heute, nur im Falle eines Falles - ein Tag Impfurlaub sozusagen."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 01. April 2021 um 12:30 Uhr.