Ein Patient, der positiv auf COVID-19 getestet wurde, wird in einem Krankenhaus in Kolkata in Indien auf die Intensivstation gebracht. | dpa

Hohe Infektionszahlen in Indien Ist eine Doppel-Mutante der Grund?

Stand: 20.04.2021 12:02 Uhr

In Indien explodieren die Infektionszahlen, besonders die Hauptstadt ist betroffen. Könnte eine besonders ansteckende Doppel-Mutante dahinter stecken? Belege dafür gibt es bislang nicht.

Von Peter Hornung, ARD-Studio Neu-Delhi

Es sieht aus wie eine Völkerwanderung: Tausende Menschen, die sich in der Nacht auf einem der großen Busbahnhöfe Delhis drängen. Wanderarbeiter, zumeist Tagelöhner, die in ihre Heimat vor dem strikten Lockdown fliehen, der seit gestern Abend herrscht. Keine Arbeit, kein Geld, kein Essen. Manche stellen diese Bilder in Soziale Netzwerke. Sie sind empört, denn keiner hält Abstand, und die lapprigen Stoffmasken schützen kaum vor der Ansteckung.

Peter Hornung

Explodierende Infektionszahlen

Die Hauptstadt Delhi ist fest in der Hand der Pandemie - und mit ihr weite Teile Indiens. Die Infektionszahlen explodieren, das Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps. Eine Million Neuinfizierte in fünf Tagen - und eine Trendumkehr ist nicht in Sicht. Aber warum? Liegt es an einer neuartigen, infektiöseren Variante des Corona-Virus? Eine Doppel-Mutante?

Aparna Mukherjee vom Indischen Rat für Medizinische Forschung hält das nicht für gesichert: "In einigen Landesteilen ist die britische Variante des Virus weit verbreitet. Aber in den anderen Gebieten haben wir eine auffällige Variante gefunden, eine Doppel-Mutante. Bisher ist diese aber noch nicht als besorgniserregend eingestuft worden, weil sie tödlicher wäre oder infektiöser."

Menschen drängen sich an einem Busbahnhof in Delhi | REUTERS

Wie hier in Ghaziabad, einem Vorort von Delhi, drängen sich die Menschen an Busbahnhöfen und Bahnhöfen, um dem Lockdown in der Metropole zu entfliehen. Bild: REUTERS

Keine Kreuzung von zwei Mutanten

Man habe inzwischen im Blick, welche Varianten des Coronavirus in Indien auftreten, sagte sie am Wochenende auf Bloomberg TV. Sie fügte hinzu: "Wir untersuchen mindestens fünf Prozent der Proben auf ihre Genome, so dass wir eine Vorstellung davon bekommen, welche Varianten im Land zirkulieren. Aber wenn wir davon sprechen, diese Welle abzuschwächen, sind die Maßnahmen der Gesundheitsbehörden doch viel wichtiger - und dass sich die Leute der Pandemie angemessen verhalten." Prävention sei das Allerwichtigste.

Eine Doppel-Mutante - alleine der Name verheißt nichts Gutes. Dabei sei eine solche veränderte Form des Virus noch nichts Besonderes, sagte der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité schon Ende März im NDR Info-Podcast: "Es ist nicht so, dass man eine Kreuzung von zwei verschiedenen Mutanten hat, wie das in einigen Medienquellen gestanden hat. Sondern hier sind zwei Mutationsmerkmale gemeinsam aufgetreten. Wir haben in anderen Mutanten drei oder vier gemeinsame Mutationsmerkmale."

Schlicht noch zu wenige Daten

Ob die indische Mutante so viel gefährlicher ist? Drosten meint dazu, es sei wahrscheinlich, dass auch dieses eine Mutante sei "mit einem leichten Immunescape" - also der Fähigkeit, eine Reaktion des Immunsystems zu umgehen. "Ansonsten weiß man nichts über diese indische Mutante, was objektivierbar wäre."

Ähnlich äußerten sich Anfang der Woche britische Forscher. Es gebe schlicht noch zu wenig Daten, um sagen zu können, ob die Doppel-Mutante wirklich an den steigenden Zahlen in Indien Schuld ist.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 20. April 2021 um 10:18 Uhr.