In Mumbai informiert ein Aushang darüber, dass es derzeit keinen Impfstoff gegen Covid-19 gibt | AP

Indiens Impfstoff-Politik Die "Weltapotheke" liefert nicht

Stand: 21.04.2021 07:37 Uhr

Indien sieht sich wegen seiner Medikamentenproduktion als "Apotheke der Welt". Doch die Impfstoff-Lieferung nach Afrika ist eingebrochen - weil sich in Indien, aber nicht nur dort, die Prioritäten geändert haben.

Von Antje Diekhans, ARD-Studio Nairobi und Peter Hornung, ARD-Studio Südasien

"Lass Dich impfen", heißt es, wenn man in Indien derzeit eine Handynummer wählt. Bevor es überhaupt beim Angerufenen klingelt, hört man diese Ansage. Indien will mit Volldampf impfen, gerade weil die Zahl der Corona-Neuinfektionen durch die Decke geht. Soeben hat die Regierung von Premierminister Narendra Modi verkündet: Vom 1. Mai am kann jeder Erwachsene eine Impfung bekommen. Das sind viele Hundert Millionen Menschen, für die Impfstoff gebraucht wird. Impfstoff, der andernorts fehlt - zum Beispiel in Afrika.

Antje Diekhans ARD-Studio Nairobi
Peter Hornung

In Kenia versucht man inzwischen, an die Impfstoffe von Pfizer und Johnson & Johnson zu kommen, weil Indien kaum mehr etwas exportiert. Zwischen Ende Januar und März lieferte Indien für die UN-Initiative Covax 64 Millionen im Land hergestellte AstraZeneca-Impfdosen, von denen 60 ärmere Länder, vor allem in Afrika, profitierten. Im April waren es bisher nur 1,2 Millionen Dosen.

Ruandas Präsident Paul Kagame hofft, dass Indien bald wieder liefert. Covid sei eine Krise des öffentlichen Gesundheitssystems, aber auch der internationalen Kooperation, stellt Kagame fest: "Der Zugang zu Impfstoffen ist äußert ungleich. In Zeiten des Mangels werden Macht und Wohlstand immer das Tempo vorgeben." Aber er findet auch lobende Worte: Indien habe trotz seiner eigenen Probleme die meisten Impfdosen produziert, die für Covax und verwandte Programme nach Afrika geschickt wurden. "Ohne Indiens Produktionskapazitäten und seine Solidarität hätte Afrika möglicherweise nicht sehr viel Impfstoff bekommen."

"Indien ist keine Insel"

Der Direktor der panafrikanischen Gesundheitsbehörde Africa CDC, John Nkengasong, war vergangene Woche deutlicher geworden. Indien sei keine Insel, sagte er. Wer seine Bevölkerung vollständig impfe, bevor andere Teile der Welt in den Genuss kämen, tue sich selbst keinen Gefallen - so entstünden Virus-Varianten.

In Indien dagegen diskutiert man, ob es überhaupt eine gute Idee war, Impfstoffe zu exportieren, bevor die eigenen Leute geimpft sind. Der frühere Spitzendiplomat Pavan Verman sieht das sehr kritisch. Er glaubt, dass man bei der Entscheidung zum Export von Millionen Impfstoffdosen nicht ausreichend berechnet habe, welchen Bedarf es hier in Indien geben wird: "Das hat zur augenblicklichen Mangelsituation geführt", sagte er.

Nein, sich solidarisch zu zeigen, sei richtig gewesen, sagt dagegen Indiens Außenminister Subrahmanyam Jaishankar: Wenn jemand anfange zu fragen: 'Warum exportieren wir überhaupt?', dann könnten andere Staaten sich fragen: 'Warum exportieren wir nach Indien?' "Das ist so kurzsichtig", warnt er.

Mangel an Grundstoffen

Tatsächlich kommen die Grundstoffe für die Vakzine nicht aus Indien, sondern aus den USA. Und dort hat die Regierung wegen des eigenen Bedarfs die Ausfuhr eingeschränkt, so dass der indische Impfstoffhersteller von AstraZeneca seine Kapazitäten gar nicht ausnutzen kann.

Dass Indien angesichts der explodierenden Fallzahlen derzeit wenig bis gar nichts mehr exportiert, sieht Außenminister Jaishankar aber als selbstverständlich an. "Es ist ja nicht so, dass wir unser Volk nicht vorziehen würden", sagte er. Als sich die Lage im Land verschlechterte, habe man "ehrlich mit der Welt gesprochen" und gesagt: "Schaut, wir haben uns wirklich bemüht, unsere vertraglichen Verpflichtungen zu erfüllen, unsere Verpflichtungen für Covax. Aber jetzt haben wir eben diese sehr kritische Situation hier bei uns und ich glaube, die meisten verstehen das."

Eine Sicht, die man in vielen afrikanischen Staaten wohl nicht teilt.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 19. April 2021 um 12:48 Uhr und am 20. April 2021 um 06:35 Uhr.