Bhutans König Jigme Khesar Namgyel Wangchuck inmitten seines Gefolges. | imago images/PPE

Königreich Bhutan Impfen - erst, wenn es Glück bringt

Stand: 22.01.2021 14:04 Uhr

Die Menschen so schnell wie möglich gegen das Coronavirus impfen? Nicht so im Königreich Bhutan. Dort will man auf ein Datum warten, das besonders viel Glück bringt.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Südasien

Obwohl in Bhutan die erste Lieferung eines Corona-Impfstoffes bereits angekommen ist, soll die Impfung der Bevölkerung erst Mitte März beginnen. Für den Start des Immunisierungsprogramms werde ein besonders glückbringendes Datum im buddhistischen Kalender abgewartet, teilte das Gesundheitsministerium des Königreichs im Himalaya auf seiner Internetseite mit.

Bernd Musch-Borowska ARD-Studio Neu-Delhi

Nach Rücksprache mit dem Zhung Dratshang, dem höchsten Gremium der buddhistischen Mönche des Landes, sei die Zeit zwischen dem 14. Februar und dem 15. März besonders ungeeignet. Man wolle diesen Zeitraum abwarten, hieß es, um die Erfahrungen in anderen Ländern mit den Corona-Impfstoffen und ihren möglichen Nebenwirkungen auszuwerten.

Das Impfkonzept der Regierung von Bhutan sieht vor, dass die gesamte Bevölkerung - rund 730.000 Menschen - auf einmal geimpft wird - mit Ausnahme von Kindern und Jugendlichen unter 18, schwangeren Frauen und stillenden Müttern. Für die übrigen etwa 530.000 Einwohner von Bhutan würden 1,2 Millionen Impfdosen benötigt, hieß es.

Häuser in Bhutan

Im Königreich Bhutan leben rund 730.000 Menschen. Es ist das einzige Land der Welt, in dem das Glück der Menschen laut Verfassung wichtiger ist als das Wirtschaftswachstum.

150.000 Impfstoffdosen aus Indien

Am Mittwoch hatte Bhutan 150.000 Dosen Impfstoff aus Indien erhalten. Die Lieferung des im Serum-Institut in Pune hergestellten AstraZeneca-Wirkstoffs war ein Geschenk der Regierung in Delhi. Wie auf Filmmaterial der Nachrichtenagentur Reuters zu sehen war, wurden die Kisten mit den Ampullen am Flughafen in Mumbai verladen.

Im Rahmen des Programms "Neighbourhood First" hat Indien seinen ärmeren Nachbarstaaten kostenlos Corona-Impfstoff zur Verfügung gestellt. Außer Bhutan haben auch die Malediven, Nepal und Bangladesch bereits eine erste Lieferung erhalten. Myanmar und die Seychellen im Indischen Ozean standen ebenfalls auf der Liste. In Sri Lanka und Afghanistan gibt es Medienberichten zufolge noch keine Zulassung.

Karte von China, Indien, Bhutan und Tibet

Bislang erst ein Todesfall

Die Regierung von Bhutan kann es sich leisten, mit dem Impfstart zu warten. Die Corona-Lage in dem kleinen Land auf dem Dach der Welt ist überschaubar. Nach Angaben der Johns Hopkins-Universität gibt es 850 Corona-Fälle in Bhutan. Und bislang wurde nur ein Todesfall im Zusammenhang mit einer Covid-19-Erkrankung dokumentiert.

Die erste Corona-Infektion in Bhutan war im März vergangenen Jahres gemeldet worden. Ein amerikanischer Tourist hatte das Virus aus dem benachbarten Indien eingeschleppt. Kurz darauf wurden die Grenzen für Ausländer geschlossen. Doch auch zurückkehrende Studentinnen und Studenten aus Großbritannien und anderen Ländern trugen zur weiteren Verbreitung des Virus bei.

Ende 2020 Lockdown verhängt

Ende vergangenen Jahres wurde in Bhutan ein vollständiger Lockdown verhängt, den Premierminister Lotay Tshering in einer Fernsehansprache an das Volk verkündete. Die zuständigen Dzongdas, wie die Klosterbezirke genannt werden, sollten alles so vorbereiten, dass der Lockdown mit all seinen Einschränkungen für die Bevölkerung erträglich werde, so der Regierungschef.

Glück wichtiger als Wirtschaftswachstum

Das kleine Bhutan, das erst seit rund zwölf Jahren demokratisch regiert wird, ist das einzige Land der Welt, in dem das Glück der Menschen wichtiger ist als das Wirtschaftswachstum. Es wird, so steht es in der Verfassung, als Brutto-National-Glück gemessen.

Glücksforscher schicken regelmäßig Studenten durch die Hochgebirgsregion, in der der Buddhismus Staatsreligion ist. Sie stellen den Menschen unterschiedliche Fragen, etwa ob sie genügend Wasser haben und ob sie sich nach Sonnenuntergang vor Geistern sicher fühlen.

Die letzten Umfragen haben ergeben, dass sich rund 90 Prozent der Menschen in Bhutan ansatzweise, überwiegend oder sogar außerordentlich glücklich fühlen.