Eine begrünte Straße | ARD Neu-Delhi

Kampf gegen Klimawandel Wie Hyderabad grün wurde

Stand: 17.11.2022 00:33 Uhr

Hyderabad ist eine der am schnellsten wachsenden Städte Indiens. Und trotzdem feiert sich Hyderabad als grüne Metropole und bekommt dafür Preise. Wie geht das zusammen?

Von Sibylle Licht, ARD-Studio Neu-Delhi

Priyanka Varghese war nicht glücklich, als sie ihre Heimat Kerala im Süden Indiens verlassen musste. Die Beamtin wurde in die weiter nördlich gelegene Zehn-Millionen-Metropole Hyderabad im Bundesstaat Telangana versetzt. Sie sollte ein gigantisches Umweltprojekt übernehmen. Ihr Auftrag: die Provinz im Inneren des Landes ökologisch voranzubringen.

Sibylle Licht ARD-Studio Neu-Delhi

Anfangs sei sie skeptisch gewesen, berichtet sie: "Wie sollte das gehen? Wie sollte ich aus einem trockenen Flecken Erde eine grüne Oase machen?" Varghese übernahm das Projekt trotzdem.  

Seit acht Jahren leitet sie das - nach eigenen Angaben - drittgrößte Aufforstungsprogramm der Welt. Unter ihrer Leitung wurden in dem Bundesstaat 2,7 Milliarden Baumsetzlinge gepflanzt. Die Frau mit dem speziellen Auftrag sollte dafür 30 Abteilungen der Regierungsbehörden Telanganas einbinden und 12.800 dezentrale Verwaltungseinheiten überzeugen.

Die Kommunen mussten freie Flächen für die Bepflanzung ausweisen. Gärtnereien verteilten kostenlos Baumsetzlinge. Ein denkbar einfaches Prinzip:

Wenn du in den Tempel, die Kirche oder die Moschee zum Gebet gehst, bekommst du einen Baumsetzling, den du einpflanzen sollst. Lässt du deine Propangas-Flasche für die Küche auffüllen, wird eine Pflanze mitgeliefert. Schüler pflanzen Bäume in ihrer Schule", schildert Varghese das Vorgehen.

Mühsamer Prozess der Überzeugung

Dennoch hatte Varghese mit Gegenwind zu kämpfen. "Wenn man selbst vom Nutzen überzeugt ist, sind es noch lange nicht die anderen", sagt sie. Nur 30 Prozent der Baumsetzlinge überlebten in den ersten Jahres des Projekts.

Die größte Herausforderung sei, "die Leute so zu begeistern, dass sie die Bäume auch auf lange Sicht pflegen. Machen sie nicht mit, funktioniert das gesamte Projekt nicht".

Der Bundesstaat nahm schließlich die lokalen Verwaltungen in die Pflicht. Sie müssen dafür sorgen, dass 85 Prozent der Baumsetzlinge überleben, sonst müssen sie Strafe zahlen. Für das Fällen eines Baumes wurden umgerechnet mehr als 600 Euro Strafe festgesetzt, für das Abreißen eines Astes 67 Euro.

Eine begrünte Straße in Hyderabad | ARD Neu-Delhi

Auf die Begrünung ist Hyderabad stolz - aber die Stadt weiß auch, dass sie gepflegt werden muss. Bild: ARD Neu-Delhi

Industrie und Bürger müssen sich beteiligen

Für die Aufforstung der 2,7 Milliarden Bäume stellen Telangana und die Zentralregierung in Neu-Delhi ein Budget zur Verfügung. Industriebetriebe müssen sich beteiligen. In diesem Jahr hat Telangana eine Ökosteuer für die Bürger eingeführt, um die Kosten für weitere Anpflanzungen zu decken.

Seit 2015 habe sich nun die Waldfläche des Bundesstaates von 24 auf 33 Prozent erhöht, so die Behörden. Tausende Bäume wurden auf Brach- und Industrieflächen sowie in Wohnvierteln gepflanzt. Straßen - auch mehrstöckige - wurden begrünt, Parks erweitert und vertikale Gärten angelegt.

Die Folgen spürt man in Hyderabad. Der Grundwasserspiegel sei um 40 Prozent angestiegen, gibt die Universität Telangana an. Und die Feinstaubbelastung sank in Hyderabad. Dabei gehört die Zehn-Millionen-Metropole zu den am schnellsten wachsenden Megastädten Indiens.

Bäume in einer Baumschule | ARD Neu-Delhi

Die neuen Bäume wachsen in Baumschulen heran - am Ende soll ihre Zahl in die Milliarden gehen. Bild: ARD Neu-Delhi

Ein Preis und Kritik

Für seine Anstrengungen erhielt Hyderabad im Oktober den World Green City Award 2022 in der Kategorie "Grünes Leben für wirtschaftlichen Aufschwung und integratives Wachstum". Doch das Projekt ist nicht unumstritten.

Vandana Shiva, eine der bekanntesten Umweltaktivistinnen Indiens, stellt fest, dass Aufforstungsprojekte dieses Ausmaßes "immer auch Konflikte mit den Ureinwohnern Indiens hervorbringen". Schon mehrfach gab es Protestaktionen der Adivasi. Die Ureinwohner wehren sich gegen die Aufforstung auf ihrem Territorium.

Unter Anwendung von Gewalt versuchten die Behörden, das Land zu bepflanzen, so ein Sprecher der Adivasi. "Aufforstungen müssen auch auf ihre ökologische Nachhaltigkeit und Multifunktionalität untersucht werden", fordert deshalb Umweltaktivistin Shiva.                          

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. November 2022 um 23:59 Uhr.