Hongkonger mit Kerzen für die Opfer des Tiananmen-Massakers | dpa

Tiananmen-Gedenken in Hongkong Erinnern verboten

Stand: 04.06.2021 07:20 Uhr

Hongkong war der einzige Teil Chinas, wo noch des Tiananmen-Massakers von 1989 in Peking gedacht wurde. Jetzt ist das dort auch verboten. Eine Organisatorin der Mahnwache wurde festgenommen.

Von Ruth Kirchner, ARD-Studio Peking, zzt. Berlin

Der 53-jährige Richard Tsoi will eine Kerze anzünden, ganz allein, möglichst an einem symbolischen Ort in Hongkong. Vielleicht an der "Säule der Schande", einer großen Skulptur an der Universität von Hongkong für die Opfer des Massakers vom 4. Juni 1989 am Tiananmen-Platz - am Platz des Himmlischen Friedens - in Peking.

Ruth Kirchner ARD-Studio Peking

Die Erinnerung bewahren, die Wahrheit einfordern und dass China die Verantwortlichen für diese Verbrechen benennt, sei wichtig, sagt Tsoi. Er ist Sprecher der Allianz zur Unterstützung demokratischer Bewegungen in China, die in der Vergangenheit viele Mahnwachen am 4. Juni organisiert hat. "Das ist wichtig für die Zukunft Chinas", sagt er.

Stephen Chow will hingegen beten. Denn auch der neue katholische Bischof von Hongkong will sich das Gedenken nicht nehmen lassen. Es gebe viele Arten des Gedenkens, sagte Chow kurz nach seiner Ernennung im Mai. "Wenn ich in der Vergangenheit an öffentlichen Veranstaltungen nicht teilnehmen konnte, habe ich gebetet: für China, für alle, die 1989 gestorben sind."

Polizei in Hongkong nimmt Demokratie-Aktivistin in Gewahrsam

Am 32. Jahrestag der Niederschlagung der Proteste auf dem Tiananmen-Platz hat die Polizei in Hongkong eine bekannte Demokratie-Aktivistin in Gewahrsam genommen.

Die Juristin Chow Hang-tung ist eine der stellvertretenden Vorsitzenden einer Allianz, die jedes Jahr am 4. Juni eine Mahnwache zum Gedenken an die Opfer der brutalen Niederschlagung von 1989 organisiert.

Nach Medienangaben wurde Chow wegen Förderung einer nicht genehmigten Versammlung verhaftet. Sie hatte in einem Interview angedeutet, sie werde sich am Jahrestag zum Victoria-Park begeben, wo sich in den vergangenen Jahren Hunderte Menschen zur jährlichen Tiananmen-Mahnwache versammelt hatten.

Mahnwachen verboten - offiziell wegen Corona

Beten, Kerzen anzünden - viele Menschen in Hongkong erinnern daran, dass die chinesische Führung vor 32 Jahren die Demokratiebewegung in Peking mit Panzern niedergewalzt hat. Doch öffentliche Mahnwachen, zu denen in der Vergangenheit Zehntausende in den Victoria Park kamen, sind verboten. Offiziell wegen der Corona-Pandemie, trotz geringer Infektionszahlen.

Vergangenes Jahr hatten sich Tausende über ein ähnliches Verbot hinweggesetzt. Diesmal aber eine unmissverständliche Warnung der Behörden: Wer an nicht genehmigten Gedenkveranstaltungen teilnehme, dem drohten bis zu fünf Jahre Haft. Erst vor wenigen Tagen erinnerte Regierungschefin Carrie Lam auch an das Sicherheitsgesetz, das seit fast einem Jahr gilt. Jeder, der mit illegalen Aktivitäten die Staatsmacht untergräbt, mache sich strafbar.

Museum ohne Erlaubnis

Ob damit auch der am 4. Juni in Hongkong oft gehörte Slogan "Nieder mit der Ein-Parteien-Herrschaft" nun verboten ist, ließ Lam offen. Das einzige Museum in China, das die Ereignisse von 1989 dokumentiert, das "4.-Juni-Museum" in Hongkong, wurde in dieser Woche jedenfalls geschlossen. Es habe keine Betriebsgenehmigung, teilten die Behörden mit.

Dass es wirklich nur um Lizenzen geht, daran glaubt kaum jemand. Das sei nur ein Vorwand, sagen Aktivisten der Demokratiebewegung. Doch die Erinnerung an 1989 einfach wie in Festlandchina ausradieren, das sei in Hongkong nicht möglich, sagt Richard Tsoi von der Allianz zur Unterstützung demokratischer Bewegungen. "Viel hängt vermutlich davon ab, wie der Kampf zwischen uns und der chinesischen Regierung weitergeht", sagt er, "ob wir weitermachen und unsere Überzeugungen verbreiten können". Die Allianz, für die Tsoi spricht, betreibt auch das Museum.

Bleiernes Schweigen

Viele in Hongkong sind bereits vorsichtiger geworden. Auch, weil immer wieder Aktivisten wegen Aufrufen zu nicht genehmigten Demonstrationen zu Haftstrafen verurteilt werden. So haben sieben Hongkonger Kirchen am Abend zu "Gottesdiensten für die Toten" geladen. Über die Gründe könne man nicht klar sprechen, heißt es. Aber: "Wir dürfen die Geschichte nicht vergessen."

In Festlandchina herrscht wie jedes Jahr zum 4. Juni bleiernes Schweigen. Die "Mütter des Tiananmen", eine Gruppe von mittlerweile sehr alten Angehörigen der Opfer von 1989, haben zwar erneut eine Aufarbeitung des Massakers gefordert. Aber ihre Stimmen bleiben wie jedes Jahr im eigenen Land ungehört.