Der Dhauliganga-Fluss im Himalaya | REUTERS

Himalaya Das gestresste Gebirge

Stand: 13.02.2021 11:55 Uhr

Nach dem Absturz eines Gletschers im Himalaya sitzt der Schock in der Region immer noch tief. Experten warnen aber: In Zukunft könnte es öfter zu solchen Ereignissen kommen - nicht nur wegen des Klimawandels.

Von Sibylle Licht, ARD-Studio Neu-Delhi

Fünf Wissenschaftler fliegen in einem Helikopter über den Gletscher Nanda Devi. Sie machen Fotos und vergleichen sie mit Satellitenaufnahmen. Auf 5600 Meter Höhe, am Gipfel des Berges Raini, wollen die indischen Wissenschaftler vom Wadia Institute of Himalayan Geology die Unglücksursache für den verheerenden Gletscherabbruch am 7. Januar im Himalaya ausgemacht haben.

Sibylle Licht ARD-Studio Neu-Delhi

Die Wissenschaftler glauben, dass sich an einem Felsüberhang ein massiver Eisblock gebildet hat, der wohl abbrach und die Sturzflut auslöste. Noch immer werden Arbeiter des Wasserkraftwerks am Fluss Rishiganga unterhalb des Gletschers vermisst. 34 Tote konnten bisher geborgen werden. Sie wurden von Gletschereis und Geröll überrascht und verschüttet.

Ungewöhnlich früher Eisverlust

Wie konnte es zu dem Unglück gekommen? Kalachand Sain, Direktor des Wadia Institute of Himalayan Geology, nennt als einen Grund den Klimawandel. Wegen steigender Temperaturen verlieren die Gletscher im Sommer immer schneller ihr Eis. Im Winter aber sei das höchst ungewöhnlich. Acht Gletscher befinden sich oberhalb des Rishiganga-Flusses. Alle haben in weniger als 30 Jahren über zehn Prozent ihrer Eismasse verloren.

Das Abschmelzen der Gletscher lässt das Wasser in den Gletscherseen weltweit bedrohlich ansteigen oder führt zur Bildung neuer Seen. Weil Felswände dem Druck der Wassermassen nicht standhalten könnten, werde es zu immer mehr Erdrutschen kommen, sagt der indische Klimaforscher Anjal Prakash. Von 8000 Gletscherseen der indischen Himalaja-Region wurden bereits 200 als gefährlich eingestuft.

Blick auf die Tapovan-Staumauer in Indien nach dem Gletscherabsturz. | AP

Der Blick auf den Tapovan-Staumauer zeigt von der Gewalt, mit der der Gletscher in die Tiefe gerast war. Bild: AP

Prakash untersucht im Auftrag der indischen Regierung den Klimawandel und dessen Auswirkungen und verweist auf eine große Studie aus dem Jahr 2019 zur Himalaja-Region. 350 Forscher aus 22 Ländern hatten sich daran beteiligt. Die Daten zeigten, dass die Erderwärmung in der Hindukusch-Himalaja-Region besonders große Auswirkungen hat. "Selbst wenn wir die Erderwärmung unter 1,5 Celsius halten könnten, würden die Temperaturen in der Hindukusch-Himalaya-Region trotzdem um 1,8 Grad Celsius und an einigen Orten sogar um 2,2 Grad Celsius steigen. Bis 2100 werden wohl zwei Drittel aller 53.000 Gletscher der Himalaja-Hindukusch-Region abgeschmolzen sein", sagt der Klimaexperte.

Diese Gletscher seien die Wasserressourcen für geschätzte 1,3 Milliarden Menschen Asiens: "Fast jeder dritte Einwohner Südasiens wird direkt mit dem Wasser der Hindukusch-Himalaya-Gletscher versorgt", sagt Prakash. Aus den Gletschern speisen sich gigantische Flüsse. Die versorgen die bevölkerungsreichsten Länder der Erde mit Wasser.

Die Folgen der Bautätigkeit

Semrat Sengupta, Direktor für Klimawandel und erneuerbare Energie am Zentrum für Wissenschaft und Umwelt in Neu Delhi, nennt einen weiteren möglichen Grund für den Gletscherabbruch: "Es wird enorm viel gebaut im Himalaya, meist ohne wissenschaftliche Begleitung. Jetzt schlägt die Natur zurück." Indien nimmt weltweit den fünften Rang bei der Anzahl der Wasserkraftwerke ein.

Indien, Bhutan und Nepal planen oder bauen in der Hochgebirgsregion 273 Wasserkraftwerke, ein Viertel liegt in Erdbebengebieten. "Für diese riesigen Bauvorhaben werden vierspurige Straßen und Tunnelsysteme in die Felsen getrieben. Das alles hat mit Sicherheit eine Rückkopplung auf seismische Aktivitäten." Die Himalaya-Region sei ein geologisch junges Gebirge und sehr verletzbar, sagt auch Klimaforscher Prakash.

Falscher Akzent bei Klimaplänen?

Die Bautätigkeit ist auch eine Folge ehrgeiziger Pläne Indiens für die Gewinnung erneuerbarer Energie. Noch ist das Land drittgrößter Produzent von Treibhausgas, bis zu 55 Prozent der Energiegewinnung kommen aus der Kohleverstromung. Das soll sich ändern. Klimaforscher Prakash kritisiert indes den Bau von Wasserkraftwerken im Hochgebirge. "Diese Energiegewinnung ist äußerst kostenintensiv im Vergleich zu dem, was herauskommt", sagt er.

Einer, der gegen das Kraftwerksprojekt am Rishiganga geklagt hat, ist der Umweltaktivist Kundan Singh. "Unser Dorf wurde von Erdrutschen wegen der Sprengungsarbeiten bedroht", berichtet er. "Arbeiter haben Bäume gefällt. Das ganze Projekt hat nicht einmal den Anwohnern Arbeit gebracht."

Ein Einsatzleiter macht bei Uttarakhand (Indien) eine Durchsage während der Rettungarbeiten in der Nähe des Dhauliganga-Wasserkraftwerks.  | dpa

Nach der schweren Sturzflut in Folge des Gletscherabsturzes suchten Rettungskräfte tagelang nach verschütteten Opfern. Bild: dpa

Nicht das erste Unglück

Indische Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Kombination aus der Erderwärmung und dem Kraftwerksbau in die fragile Hochgebirgslandschaft die Ursachen für den Gletscherabbruch am Nanda Devi sind. Schon 2013 hatte es einen Gletscherabbruch in der Region gegeben. Damals kamen Tausende ums Leben. Nach dem neuerlichen Unglück werden noch mehr als 200 Menschen vermisst.                   

Einheimische hätten lange gegen den Kraftwerksbau am Gletscher gekämpft, sagt Prakash: "Sie haben ein viel größeres Verständnis für die Umwelt als diejenigen, die Kraftwerke in das Hochgebirge des Himalaya bauen."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 08. Februar 2021 um 09:00 Uhr.