Eine Familie in Petah Tikva inspiziert den Schaden an ihrer Wohnung, nachdem diese von einer Rakete aus dem Gazastreifen getroffen wurde | dpa

Konflikt in Nahost Kein Ende der Gewalt in Sicht

Stand: 13.05.2021 11:56 Uhr

Immer neue Raketensalven aus Gaza, Gegenangriffe aus Israel - eine Lösung des Konfliktes scheint weit entfernt. Auch die inneren Spannungen wachsen: In vielen Städten gab es Ausschreitungen zwischen Juden und Arabern.

Die Lage in Israel und im Gazastreifen spitzt sich weiter zu. Seit Beginn des Beschusses aus dem Gazastreifen registrierte die israelische Armee nach eigenen Angaben 1600 Raketen. Rund 400 davon seien noch im Gazastreifen niedergegangen, sagte ein Sprecher. Bislang seien in Israel sieben Menschen durch Raketeneinschläge getötet worden.

Im Gegenzug beschoss das israelische Militär Ziele im Gazastreifen. Darunter seien Stätten zur Produktion von Raketen und Lagerräume, teilte der Armeesprecher mit. Dabei seien mehrere ranghohe Vertreter der Hamas und des Islamischen Dschihad getötet worden. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza starben seit Beginn der Eskalation der Gewalt in dem Küstengebiet 67 Menschen. 388 Menschen seien verletzt worden.

Lufthansa streicht Flüge nach Tel Aviv

Der Flughafen Tel Aviv wurde laut israelischen Medienberichten nach anhaltendem Raketenbeschuss für ankommende Flüge geschlossen. Zahlreiche Fluggesellschaften strichen ihre Verbindungen. Die US-Fluglinien United, Delta und American hatten bereits am Mittwoch alle Flüge von und nach Israel gestoppt.

Auch die Lufthansa annullierte alle Flüge von und nach Tel Aviv. Vor dem Hintergrund der aktuellen Situation setze das Unternehmen die Route bis Freitag aus, erklärte die größte deutsche Fluglinie. Die betroffenen Passagiere würden über die Streichungen informiert. Der Flugbetrieb nach Israel werde voraussichtlich ab Samstag wieder aufgenommen.

Israel will Angriffe ausweiten

Israel macht die islamistische Hamas für die Angriffe aus dem Gazastreifen verantwortlich. Die Palästinensergruppe wird von Israel und der EU als Terrororganisation eingestuft. Unbestätigten Berichten zufolge soll die Hamas, die den Gazastreifen kontrolliert, Israel eine Waffenruhe angeboten haben. Israel lehnt dies aber ab.

"Ich rede zum jetzigen Zeitpunkt nicht über einen Waffenstillstand", sagte ein Armeesprecher im israelischen Kanal 11. "Ich rede über eine Fortführung der Angriffe und einer Ausweitung." Das sei die Anweisung des Generalstabschefs: "Den Jargon des 'Waffenstillstands' nehmen wir nicht in den Mund, erst recht nicht in den kommenden zwei Tagen."

Verteidigungsminister Benny Gantz stimmte die Bürger auf einen längeren Einsatz ein. Laut Medienberichten soll die Armee gezielt "Symbole der Hamas-Herrschaft" in dem Palästinensergebiet attackieren. Israel zieht demnach derzeit Bodentruppen an der Grenze zum Gazastreifen zusammen.

Internationale Vermittlungsversuche

Von einem Sprecher der Hamas kamen ebenfalls Äußerungen, die eine baldige Beruhigung der Lage unwahrscheinlich machen. "Das palästinensische Volk wird auf keinen Fall kapitulieren. Dieses Volk wird bis zu seinem letzten Atemzug weiterkämpfen." Die Einrichtungen der Hamas und anderer bewaffneter Gruppen sind häufig in Wohngebieten. Die Zivilbevölkerung im abgeriegelten Gaza-Streifen kann vor den israelischen Angriffen nirgendwohin flüchten und ist weitgehend schutzlos

Vertreter von Ländern wie die USA, Ägypten oder Katar versuchen dennoch, im Hintergrund eine Waffenruhe zu vermitteln. US-Präsident Joe Biden schickte einen hohen Vertreter des Außenministeriums in die Region. Biden telefonierte am Abend mit Israels Premierminister Benjamin Netanyahu. Biden betonte, Israel habe das Recht, sich gegen Angriffe der Hamas zu verteidigen. Netanyahu machte gegenüber dem US-Präsidenten klar: Die israelischen Angriffe auf den Gazastreifen werden so schnell nicht eingestellt.

Auseinandersetzungen zwischen Juden und Arabern

In Israel und im Westjordanland wachsen unterdessen die Spannungen zwischen Juden und Arabern.

Der Bürgermeister der zentralisraelischen Stadt Lod, Jair Revivo, sagte im israelischen Radio, wenn die Auseinandersetzungen nicht gestoppt würden, rechne er mit einem "kolossalen Bürgerkrieg in ganz Israel". In Lod kam es trotz Ausgangssperren zu Zusammenstößen zwischen jüdischen und arabischen Bewohnern.

Auch in anderen von Juden und Arabern gemeinsam bewohnten Städten gab es laut Polizeiangaben heftige Ausschreitungen. In Bat Yam bei Tel Aviv zerstörten rechtsnationale jüdische Israelis mehrere Geschäfte. Sie zogen einen 33-jährigen arabischen Mann aus seinem Auto und schlugen auf ihn ein. Der Mann befindet sich in einem kritischen Zustand. In der nordisraelischen Hafenstadt Akko, die eigentlich als gelungenes Beispiel für Koexistenz gilt, griffen Araber Juden an.

Netanyahu verurteilt "Lynchjustiz"

Nach Polizeiangaben wurden wegen der Ausschreitungen landesweit fast 400 Personen festgenommen und 36 Beamte verletzt. Auch in Teilen des Westjordanlands kam es zu Zusammenstößen zwischen Palästinensern und der israelischen Armee. In Jerusalem wurden 51 Personen verletzt, in Hebron 20. Weiteren Verletzte gab es laut der Tageszeitung "Haaretz" in Nablus und Tulkarem.

Netanyahu bezeichnete die Situation am Abend als Anarchie. "Was geschieht, können wir nicht tolerieren. Wir haben arabische Aufständische gesehen, die Synagogen anzünden, Autos, die Polizisten angreifen." Dafür es keine Rechtfertigung, auch nicht für Lynchjustiz von Juden an Arabern und umgekehrt. "Zu den Bürgern Israels sage ich, dass es mir egal ist, ob euer Blut kocht. Ihr könnt das Gesetz nicht selbst in die Hand nehmen", sagte Netanyahu. "Wir werden die Kontrolle in allen Städten Israels wiedererlangen." Präsident Reuven Rivlin rief beide Seiten eindringlich zur Mäßigung auf.

Mit Informationen von Benjamin Hammer und Tim Aßmann, ARD-Studio Tel Aviv

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. Mai 2021 um 11:00 Uhr.