Windkraftanlagen auf den Golanhöhen. | ARD-Studio Tel Aviv

Windräder auf den Golanhöhen "Höher als Wolkenkratzer in Tel Aviv"

Stand: 24.09.2022 09:17 Uhr

Erneuerbare Energien liefern weniger als zehn Prozent des Stroms in Israel. Das soll sich ändern - auch durch Windräder auf dem annektierten Golan. Dort regt sich Widerstand.

Von Sophie von der Tann, ARD-Studio Tel Aviv 

Tal Pelter ist mitten in der Weinlese, seit mehr als 20 Jahren betreibt seine Familie das Weingut Pelter auf den Golanhöhen. Am Wochenende kommen Besucher aus ganz Israel zur Weinprobe. "Der Golan ist bekannt für die schöne Natur, Landwirtschaft und Tourismus", sagt Pelter. "Wenn wir hier noch mehr Windräder bauen, zahlen wir einen hohen Preis."

Sophie von der Tann ARD-Studio Tel Aviv

Erneuerbare Energien seien wichtig, doch Photovoltaikanlagen wie auf dem Dach seines Weingutes hält er für sinnvoller. Aktuell gewinnt Israel weniger als zehn Prozent des Strombedarfs aus erneuerbaren Energien, den Großteil davon aus Solarenergie. Die Regierung hat sich nun das Ziel gesetzt, bis 30 Prozent des Stroms bis 2030 aus erneuerbaren Energien zu gewinnen, 70 Prozent aus Gas und die verbleibenden Kohlekraftwerke bis dahin zu schließen. 

Auf den Golanhöhen sollen 200 neue Windkraftanlagen gebaut werden. Die neuesten mehr als 200 Meter hoch sein - höher als Tel Aviver Wolkenkratzer, wie israelische Zeitungen titeln.

Windkraftanlagen auf den Golanhöhen. | ARD-Studio Tel Aviv

Windkraftanlagen auf den Golanhöhen. Bild: ARD-Studio Tel Aviv

Schaden größer als der Nutzen?

Viele Siedlungen auf dem Golan profitieren von den Einnahmen durch Windenergie. Deswegen hätten auch einige syrische Drusen zunächst zugestimmt, erklärt Nabeeh Halabi, der der religiösen Minderheit angehört.

Israel hatte die Golanhöhen 1967 von Syrien erobert, besetzt und später annektiert. Nach dem Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs konnten viele drusische Bauern ihre Produkte nicht mehr nach Syrien verkaufen, Israel hatte die Grenze geschlossen. Windkraft schien eine lukrative Alternative, erklärt Halabi, der mittlerweile zu einem Aktivisten gegen die Windräder geworden ist. 

Nur hier reiche der Wind tatsächlich aus, aber der Schaden sei größer als der Nutzen, erklärt Ofer Megged. Er lehrt Physik und ist vor sechs Jahren in eine Siedlung auf den Golanhöhen gezogen. Seinen Berechnungen zufolge würden die Windparks ohnehin nur zwei Prozent des gesamten israelischen Energiebedarfs decken können.

Das sei es nicht wert, sagt er - vor allem, weil die Anlagen Zugvögel gefährden. Im Frühling und Herbst fliegen etwa 200.000 Vögel über die Golanhöhen von Europa nach Afrika und zurück. 

"Postkartenleben" - "nicht die Realität"

Tatsächlich werden viele Vögel verletzt durch die Windräder, die mitten auf ihrer Flugroute liegen, sagt Hagit Ulanosky, die die für die israelische Natur- und Park-Behörde die Folgen von Windkraft für Gesundheit und Umwelt analysiert hat. 

Die Schäden für Zugvögel seien hier so hoch wie an kaum einem anderen Ort. Mit Blick auf die gesundheitlichen Folgen hätte ihr Team vor allem einen "Nocebo-Effekt" festgestellt: "Wenn man Auswirkungen auf die Gesundheit befürchtet, kann es in der Tat dazu kommen, auch wenn kein Zusammenhang mit den Windrädern als tatsächliche Ursache festgestellt werden kann."

Für den israelischen Landwirt Yitzhak Ribak ist indessen klar: "Wenn wir bis 2030 fast ein Drittel unseres Stroms aus erneuerbaren Energien gewinnen wollen, müssen wir alles dafür tun, auch hier." Es seien häufig Zugezogene aus den Städten, die auf den Golanhöhen ein ruhiges, grünes Postkartenleben führen wollten und deshalb gegen die Windräder seien, sagt Ribak. Er könne das ja verstehen, aber das sei eben nicht die Realität.