Raketen werden von Gaza-Stadt in Richtung Israel abgefeuert. | dpa

Nahost-Konflikt Dauerbeschuss auf beiden Seiten

Stand: 16.05.2021 07:51 Uhr

Noch immer ist kein Ende der seit Tagen anhaltenden Raketen- und Luftangriffe in Nahost abzusehen. Die Palästinenser nahmen Tel Aviv massiv unter Beschuss, Israels Militär zerstörte in Gaza ein Hochhaus mit Medienbüros.

Von Kilian Neuwert, ARD-Studio Tel Aviv,  z. Zt. München

Eine Menschentraube umringt zwei Männer: Der eine trägt einen blauen Gefechtshelm und eine Schutzweste mit Aufschrift "Press", hält ein Mikrofon und spricht in eine laufende Kamera. Der andere telefoniert, das Handy ans Ohr gepresst, das schüttere Haar klebt an der Stirn: "Wir brauchen zehn Minuten", sagt er. "Wie sie sehen können, stehen die alle hier bei mir. Die Presse. Das sind keine Leute die da rein wollen, um Waffen rauszuholen."

Auch ein anderer Mann greift zum Handy, telefoniert aufgebracht. Eine Fernsehkamera in der anderen Hand: "Wir arbeiten für die Nachrichtenagentur AP, wir haben viel Ausrüstung in dem Gebäude. Die Kameras, die Ausrüstung für Live-Schalten und zum Schneiden. Geben Sie mir 15 Minuten und ich kann es rausholen."

Die Videoaufnahmen zeigen eine Szene in Gaza. Dort hatte das israelische Militär die Menschen in einem Hochhaus gewarnt, bevor es das Gebäude zum Einsturz brachte. Die Männer waren Journalisten, die in dem Gebäude gearbeitet haben und zumindest ihre Ausrüstung retten wollten. Soweit bekannt, hatten die Nachrichtenagentur AP und der TV-Sender Al-Dschasira Büros in dem Haus.

Israel bombardiert Mediengebäude

Laut israelischer Armee nutzte die militante Palästinenserorganisation Hamas das Gebäude. Unter anderem für geheimdienstliche Einrichtungen, Zivilisten seien als Schutzschilde missbraucht worden, hieß es.

"Den Leuten wurde genug Zeit gelassen, um das Gebäude zu räumen. Obwohl wir wussten, dass diese Zeit auch von Hamas und dem Islamischen Dschihad genutzt werden würde, um wichtige Ausrüstung zu retten", erklärte am Abend ein israelischer Armeesprecher. "Aber das ist ein militärischer Verlust, den wir bereit sind hinzunehmen, um zivile Opfer bei der Zerstörung des Gebäudes zu verhindern."

Man habe die Hamas und den Islamischen Dschihad deutlich geschwächt, was die Produktion neuer Raketen angehe, erklärte der Armeesprecher weiter. Das sei sehr wichtig für die Zukunft. Die Hamas werde nicht fähig sein, die Raketen wiederherzustellen, die sie derzeit abfeuerten. "Und wenn sie keine Raketen starten können, heißt das, dass die Chancen für Stabilität größer sind."

Israel, das Westjordanland und der Gazastreifen

Netanyahu will Angriffe fortsetzen

Mit dieser Andeutung schien er zu bestätigen, worüber sich viele Beobachter längst einig waren. Und er nahm vorweg, was Israels Ministerpräsident Netanyahu später im Israelischen Fernsehen verkünden sollte.

"Israel hat mit Nachdruck auf die Angriffe reagiert und wir werden fortfahren, konsequent auf diese zu antworten, bis die Sicherheit unseres Volks wiederhergestellt ist", so Netanyahu. "Hamas zu bekämpfen dient nicht nur dem Interesse Israels. Es dient den Interessen aller, die Frieden, Stabilität und Sicherheit im Nahen Osten suchen."

In der Nacht feuerten militante Palästinenser weiter Raketen von Gaza aus auf Israel. Auch im wirtschaftlichen Zentrum des Landes - im Großraum Tel Aviv - heulten die Luftschutzsirenen. Dort war gestern ein Mann bei einem Einschlag getötet worden.

Todesopfer auf beiden Seiten

Israel setzte unterdessen die Angriffe auf Ziele im Gazastreifen fort. Über 140 Tote werden dort inzwischen in Medienberichten gemeldet - in Israel zehn. Der Führungsriege der militanten Palästinenserorganisation Hamas drohte die israelische Armee mit gezielter Tötung. Schon am Samstagabend hatte sie Häuser hochrangiger Hamas-Funktionäre angegriffen. Zuvor war unter anderem ein großes Tunnelsystem bombardiert worden.

UN-Generalsekretär António Guterres reagierte besorgt auf die jüngsten Entwicklungen. Laut einem Sprecher zeigte er sich bestürzt über die steigende Zahl von zivilen Opfern. Er erinnerte auch daran, dass jeder Angriff auf zivile und mediale Strukturen gegen das Völkerrecht verstoße.

UN-Sicherheitsrat tagt zum Nahostkonflikt

EU-Chefdiplomat Josep Borrell führte Gespräche mit den Konfliktparteien. Er verurteilte die Raketenangriffe aus dem Gazastreifen und sagte, Israel habe das Recht seine Bevölkerung zu schützen, müsse aber angemessen handeln und zivile Opfer vermeiden.

Ob Vermittlungsversuche - auch seitens der USA und von Ägypten - erfolgreich sein könnten, ist unterdessen weiter offen. Für heute ist auch eine Sitzung des UN-Sicherheitsrats in New York angesetzt.

Dieser Beitrag lief am 16. Mai 2021 um 09:02 Uhr auf B5 aktuell.

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KOMMENTARE

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Nachfragerin 16.05.2021 • 11:20 Uhr

@ene mene muh - Soldaten sollen nicht denken.

10:03 von ene mene muh: "Die Hamas? Wer ist die Hamas?" > Wer? In der Hamas gibt es viele verschiedene Menschen: Politische und militärische Hardliner, freiwillige und unfreiwillige Mitläufer und vielleicht auch ein paar intelligente Kritiker, auf die keiner hört. "Und die an den Abschluss Rampen haben das Denken wohl schon lange abgeschaltet." > Soldaten sollen auch nicht denken, sondern Befehle ausführen. Die meisten machen das bereitwillig, weil sie sich im Recht glauben. Die Kämpfer der Hamas bilden da sicherlich keine Ausnahme.