Protestierende in Beirut mit libanesischer und Hisbollah-Fahne | AP

Gewalt in Nahost Wie lange hält die Hisbollah still?

Stand: 17.05.2021 13:21 Uhr

Wenn die vom Iran gelenkte Schiitenmiliz Hisbollah vom Südlibanon aus Israel angreifen würde, könnte aus dem Gaza-Krieg ein Flächenbrand werden. Bislang hält sie sich zurück. Doch wie lange noch?

Von Martin Durm, ARD-Studio Kairo, zurzeit Beirut

Westbeirut - Hisbollah-Land. Graue Hausfassaden, tapeziert mit den überlebensgroßen Portraits der gefallenen Märtyrer, der "Schuhada". Gerade geht wieder eine von vielen Solidaritätskundgebungen für Palästina zu Ende, letzte Kampfparolen werden gebrüllt, Fahnen eingerollt und zurück bleiben ein paar Männer, die sich vom Fußvolk allein schon äußerlich unterscheiden: Sie tragen Anzug, Mundschutz - es sind politische Funktionäre der Hisbollah.

Martin Durm

Seit Tagen versuchen wir, in Erfahrung zu bringen, wie sich die mächtige Schiitenmiliz angesichts der aktuellen Nahostkrise zu verhalten gedenkt. Wird sie stillhalten? Oder ihr riesiges Raketenarsenal nutzen, um vom Südlibanon aus Nordisrael zu beschießen? Unsere Interviewanfragen im Hisbollah-Medienzentrum liefen ins Leere, niemand war bislang bereit, darauf eine Antwort zu geben.

"Momentan ist das Problem in Palästina und in Jerusalem"

Und nun steht da Ali Muqdad auf der Straße, Parlamentsabgeordneter der Hisbollah, im Nebenberuf Neurologe, ein in Beirut bekanntes Gesicht. Wir fragen: Wie wird sich die Hisbollah in den kommenden Tagen verhalten?

"Die Lage konzentriert sich derzeit auf Palästina", sagt er. "Wir unterstützen Gaza, jeder von uns steht voll und ganz hinter dem, was die Palästinenser dort tun. Aber im Augenblick ist das Problem nun mal dort lokalisiert. Wie das weitergeht, kann niemand sagen. Aber momentan ist das Problem in Palästina und in Jerusalem."

Muqdad sagt "Palästina", um wie so viele Hisbollah-Vertreter das Wort Israel zu vermeiden. Ansonsten aber wirkt diese Aussage für einen Hisbollah-Repräsentanten angesichts der Bilder aus Gaza geradezu moderat. Keine Drohung, keine kriegerische Rhetorik, wie man sie doch gewohnt ist von dieser kampferfahrenen schiitischen Schattenarmee, die über 25.000 Kämpfer und geschätzt 130.000 Raketen verfügt.

Libanon wirtschaftlich am Abgrund

Es gibt allerdings gute Gründe für die Zurückhaltung der Hisbollah. Über Krieg und Frieden an Israels Nordgrenze entscheidet nicht sie, sondern das iranische Mullah-Regime, das die Hisbollah seit Jahrzehnten finanziert und munitioniert. Der Iran aber hat derzeit andere Prioritäten, nämlich eine Neuauflage des Atomabkommens, um den Sanktionsdruck loszuwerden.

Zudem taumelt der Libanon gerade wirtschaftlich in den Abgrund: Die Währung zerfällt, die Stromversorgung bricht täglich mehrmals zusammen, an den Tankstellen gibt es nur noch stundenweise Benzin. Dem ruinierten Libanon eine militärische Konfrontation mit Israel aufzuzwingen, könnte sich selbst die Hisbollah nicht erlauben.

"Ein Wort und wir schlagen los"

Die Frage ist nur, ob die Führung der Hisbollah ihre Anhänger in Zaum halten kann. Der Druck wächst mit jedem Tag, an dem Israel den Gazastreifen mit Bomben eindeckt. Am vergangenen Wochenende versuchten ein paar Dutzend Hisbollah-Anhänger, den Grenzzaun zu Israel zu stürmen. Die israelische Armee schoss scharf und tötete zwei junge Männer.

"Die Israelis haben auch drei Granaten von Panzern abgefeuert, ein kleines Schrapnell hat mich am Bein erwischt", sagt Hussein, der an der Protestaktion teilnahm, und zeigt uns seinen Verband.

Es sind junge Männer wir er, die in diesen Krisentagen von der Hisbollah- Führung verlangen, Israel vom Südlibanon aus zu attackieren. Manche von ihnen scheinen darauf zu brennen, dass auch ihr Konterfei an Westbeiruts Hauswänden klebt. "Ein Wort unseres Führers Hassan Nassrallah und wir schlagen los", sagt Hussein. Und ein anderer meint: "Wir sollten das nicht mal abwarten, wir müssen jetzt sofort für Palästina kämpfen."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 17. Mai 2021 um 13:48 Uhr.