Ein Mann steht in den Trümmern seines Hauses | REUTERS

Nahost-Konflikt Die Feuerpause hält

Stand: 08.08.2022 05:39 Uhr

Die vereinbarte Waffenruhe zwischen Israel und dem Islamischen Dschihad hat gehalten. Beide Seiten sehen ihre Ziele erreicht. Eine dauerhafte Lösung in dem Konflikt scheint allerdings nicht in Sicht.

Von Tim Aßmann, ARD-Studio Tel Aviv

Die Nacht blieb ruhig für die Menschen im Gazastreifen und auf der israelischen Seite der Grenze. Die Feuerpause - sie scheint zu halten. Nach intensiven ägyptischen Vermittlungsbemühungen hatten die israelische Regierung und der Islamische Dschihad die Waffenruhe am späten Abend bestätigt. Vereinbarter Beginn: 23.30 Ortszeit. Kurz davor flog die israelische Armee noch einen Angriff im Gazastreifen. Kurz danach wurde aus dem Küstengebiet noch eine Raketensalve abgefeuert.

Tim Aßmann ARD-Studio Tel Aviv

Nun scheint die jüngste Eskalation im ewigen Nahostkonflikt zwischen Israelis und Palästinensern beendet und jede Seite hat ihre eigene Lesart. Die israelische Armee hatte schon vor der Waffenruhe erklärt, man habe die gesamte Führung der Palästinenserorganisation Islamischer Dschihad (PIJ) im Gazastreifen ausgeschaltet, die Gruppe massiv geschwächt und das Ziel der Militäroperation mit dem Namen "Morgengrauen" erreicht - die unmittelbare Bedrohung durch den Islamischen Dschihad zu beseitigen.

So sah es auch der ehemalige israelische Militärsprecher Ronen Manelis im Interview mit dem Fernsehsender KAN: "Man kann diese Runde als einen enormen, taktischen Erfolg für die israelische Armee und den Inlandsgeheimdienst zusammenfassen", so Manelis. "Was bleibt sind große strategische Fragen, die sich auch auf die Beziehungen zur Hamas und dem islamischen Dschihad in der Zukunft beziehen. Wie lässt sich diese Situation für eine länger andauernde Ruhephase nutzen?"

PIJ-Führungsmitglied wird aus israelischer Haft entlassen

Der Islamische Dschihad erreichte nach eigenen Angaben im Gegenzug für die Waffenruhe, dass ein Führungsmitglied, das sich zur Zeit im Hungerstreik in israelischer Haft befindet, freigelassen wird.

Die palästinensische Extremistengruppe, die vom Iran unterstützt wird, sieht sich durch die jüngste Runde der Kämpfe gestärkt. Ihr Anführer Ziad Al-Nakhala sagte in Teheran, "das erklärte Ziel des zionistischen Feindes war die Vernichtung des Islamischen Dschihad und seines militärischen Flügels, den Al-Kuds Brigaden. Nun, nach Ende der Kämpfe, zeigt sich klar: Der Islamische Dschihad ist weiterhin stark, stabil und sogar mächtiger als zuvor."

Palästinenser: Mindestens 44 Tote nach Angriffen

In der vergangenen Woche hatte der Islamische Dschihad Israel immer wieder mit Attacken gedroht. Am Freitag griff dann Israel an. Im Gazastreifen forderten die Angriffe nach offiziellen Angaben 44 Todesopfer, darunter Kämpfer des Dschihad, aber auch Zivilisten. Hunderte Menschen wurden verletzt.

Der islamische Dschihad feuerte Hunderte Raketen und Mörsergranaten auf Israel. Dort erlitten mehr als 20 Menschen leichte Verletzungen. Vom Raketenbeschuss betroffen war auch das südisraelische Ashdod. Ein Einwohner erzählt, dass er erleichtert ist über die Waffenruhe: "Krieg hat noch nie irgendwem etwas Gutes gebracht. Frieden ist etwas Großes und ich wünsche mir wirklich, dass sich unsere Kinder und das ganze israelische Volk im eigenen Land sicher fühlen können."

Hamas beteiligte sich nicht an Kämpfen

Die palästinensische Hamas, die den Gazastreifen kontrolliert und militärisch stärker ist als der Islamische Dschihad, beteiligte sich diesmal nicht an den Kämpfen. Nach dem Krieg im vergangenen Jahr lockerte Israel die Abriegelung des Gazastreifens und erteilte Tausende neue Genehmigungen, die Palästinensern aus dem Küstengebiet erlauben, in Israel zu arbeiten.

Das wollte Hamas nicht gefährden, sagt Ohad Hemo, Experte für die palästinensischen Gebiete beim israelischen Sender Kanal 12. "Einerseits ist sie eine Widerstandsgruppe, aber sie ist pragmatischer als der Dschihad und hat, weil sie Gaza regiert, andere Prioritäten", beschreibt er die Rolle der Hamas. "Zum Beispiel ein Interesse am Wiederaufbau des Gazastreifens. Es fällt ihr zwar schwer, sich aus den Kämpfen rauszuhalten - aber sie tut es dennoch."

Diese Eskalationsrunde scheint beendet. Eine dauerhafte Lösung im Konflikt zwischen Israel und den bewaffneten Gruppen im Gazastreifen ist nicht in Sicht.

Über dieses Thema berichtete am 08. August 2022 MDR Aktuell um 07:21 Uhr und die tagesschau um 09:00 Uhr.