Menschen mit Einkufstüten und Gesichtsmaske in einer Straße in Sabra, Beirut | AFP
Reportage

Palästinenser in Beirut "Die Araber haben uns längst verkauft"

Stand: 14.05.2021 12:28 Uhr

Viele Palästinenser im Libanon blicken resigniert auf die jüngste Eskalation der Gewalt. Von den arabischen Staaten kommen nur die üblichen Appelle. Die Enttäuschung ist vor allem in den Flüchtlingslagern Sabra und Schatila groß.

Von Martin Durm, ARD-Studio Kairo, zurzeit Beirut

Könnte sein, dass nach all den Jahren im Flüchtlingslager irgendwann mal der Punkt kommt, an dem man aufgibt. Weil die Durchhalteparolen nicht mehr helfen. Weil man zu oft verraten wurde von den arabischen Brüdern. Und weil die Welt nichts mehr wissen will von dieser aussichtslosen palästinensischen Leidensgeschichte.

Martin Durm

"Es gibt für uns keine Lösung. Wir können nur noch schreien und weinen", sagt Mariam. "Die Regierungen auf der ganzen Welt kümmern sich nicht mehr darum, was mit uns Palästinensern geschieht. Amerika steht hinter Israel, unsere arabischen Regierungen sind unfähig. Wir können nichts mehr tun."

Viel Mitgefühl mit Gaza

Von den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila im Westen der libanesischen Hauptstadt Beirut bis nach Gaza sind es gerade rund 300 Kilometer. Dazwischen liegt Israel und macht diese Entfernung unüberbrückbar.

Aber die emotionale Nähe zu Gaza ist groß in diesen engen, schmutzigen Gassen mit ihrem Menschengewimmel, den Ziegen, die sich von Abfallhaufen ernähren, dem fauligen Gestank.

Menschen in einer Straße in Sabra, Beirut | AFP

Die ersten Flüchtlingslager in und bei Beirut entstanden 1949. Sie sind inzwischen ein fester Bestandteil der Stadt am Mittelmeer. (Archiv) Bild: AFP

Trauma des libanesischen Bürgerkriegs

Wer in Sabra und Schatila aufgewachsen ist, weiß, was Gewalt anrichten kann. Während des libanesisches Bürgerkriegs umstellten israelischen Einheiten dieses Lager und ließen es zu, dass christliche Milizen ein Massaker an Hunderten Palästinensern verübten.

Vier Jahrzehnte sind vergangen, Mariam war damals ein Kind, aber das Trauma ist da und wird auch dieser Tage wieder geweckt. Sie sagt: "Es geschieht immer wieder. Immer wieder müssen Palästinenser sterben."

Von der Arabischen Liga kommen nur Phrasen

Auch dieser Konflikt folgt der üblichen Nahost-Dramaturgie: Er entzündet sich an einem kleinen Anlass, eskaliert, die Hamas feuert Raketen auf Israel, Israel wirft Bomben auf Gaza - und irgendwann tritt die Arabische Liga in Kairo zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen.

Dieses Mal fand sie coronabedingt virtuell statt. Was in Gaza geschehe, sei ein Alarmsignal, das man wahrnehmen müsse, liest Ahmed Aboul Gheit, Ägypter und Generalsekretär der Arabischen Liga vor. Die internationale Gemeinschaft müsse nun Verantwortung übernehmen, ein Palästinenserstaat sei unverzichtbar.

Solche hohlen Erklärungen der Arabischen Liga erreichen niemanden mehr in einem Lager, das 1949 entstand, als kurz nach der Gründung Israels Tausende Palästinenser in den Libanon flohen.

Was macht die Hisbollah?

"Die Araber haben uns doch längst verkauft", sagt Salah, ein Kleiderhändler, "jetzt machen auch noch die Golfstaaten Frieden mit Israel."

Am Eingang des Lagers hängen die Märtyrer-Plakate der Hisbollah. Sie hat die Hamas in den vergangenen Jahren mit Geld subventioniert und vermutlich auch mit Raketen beliefert. Vom Iran bis an die Zähne bewaffnet wäre die kampferfahrene Schiitenmiliz wohl auch in der Lage, vom Südlibanon aus den Norden Israel zu beschießen.

"Das wird nicht passieren", meint Salah. "Der Libanon kann sich keinen Krieg mehr mit Israel leisten. Er ist wirtschaftlich am Ende und hat genug Kriege erlebt."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 14. Mai 2021 um 08:35 Uhr.