Blick auf Gaza Stadt mit Meer |
Reportage

Corona im Gazastreifen Kaum Impfstoff, kaum Impfwillige

Stand: 05.03.2021 13:05 Uhr

Während in Israel bereits die Hälfte der Bevölkerung mindestens eine Impfung hinter sich hat, sieht die Situation im Gazastreifen vollkommen anders aus - und das liegt nicht nur an den wenigen Impfdosen.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Für einen 77-jährigen Palästinenser ist es ein großer Moment. Er gehört zu den ersten Bewohnern des Gazastreifens, die eine Impfung gegen das Coronavirus erhalten. Der Mann sitzt in einem Zimmer in einem Gesundheitszentrum der Vereinten Nationen. Auf einem Tisch stehen kleine Impffläschchen mit kyrillischen Buchstaben. Der alte Mann bekommt nun den Impfstoff Sputnik V aus Russland verabreicht.

Benjamin Hammer ARD-Studio Tel Aviv

"Ich habe mich in den letzten Monaten zurückgezogen", sagt der Mann. "Ich war sehr vorsichtig. Nach der Impfung fühle ich mich sicherer und kann mich bald freier bewegen." 22.000 Dosen von Sputnik V wurden in den vergangenen Wochen in den Gazastreifen geliefert. Viel mehr dürften es in den kommenden Wochen nicht werden.

Ein älterer Mann lässt sich impfen | ARD-Studio Tel Aviv

Ein älterer Mann lässt sich in einem Gesundheitszentrum der Vereinten Nationen impfen. Bild: ARD-Studio Tel Aviv

Corona-Krise überschattet Grenzkonflikt

Viel zu wenig also, um einen relevanten Teil der Bevölkerung zu impfen. Im Gazastreifen leben etwa zwei Millionen Menschen. Magdy Duheer bereitet das Kopfzerbrechen. Er ist der Chefepidemiologe des Küstenstreifens. Die Pandemie hat seine Welt auf den Kopf gestellt.

"Hier im Gazastreifen beschäftigen wir uns normalerweise mit dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern", sagt Duheer. "Wir Mediziner schauen auf die Zahl von Verletzten und überlastete Krankenhäuser als Folge des Konfliktes." Das sei jetzt anders. "Zum ersten Mal ist unser Gesundheitssystem durch eine ansteckenden Krankheit bedroht."

Der Epidemiologe weiß natürlich, dass Israel seine Bevölkerung sehr schnell geimpft hat. Dass die Quote in manchen Altersgruppen in Richtung 100 Prozent geht. Viel Impfstoff in Israel. Kaum Impfstoff im Gazastreifen. Das fühle sich sehr schlecht an.

Israel impft Arbeiter aus Westjordanland

Hat Israel eine rechtliche und moralische Verpflichtung, Impfstoff an die Palästinenser zu liefern? Israel bestreitet das vehement und verweist auf die Oslo-Verträge, wonach die Palästinenser für ihren Gesundheitssektor zuständig seien. Der palästinensische Epidemiologe widerspricht und verweist auf das Völkerrecht.

Mittlerweile impft Israel palästinensische Arbeiter aus dem Westjordanland. Nicht aber diejenigen aus dem Gazastreifen. Magdy Duheer fühlt sich nicht nur von Israel im Stich gelassen. Er wendet sich auch an Länder wie Deutschland.

"Stellen Sie sich das mal vor: 90 Prozent der Impfreserven stehen im Moment einzig und allein reichen Ländern zur Verfügung", sagt Duheer. "Den kleinen Rest kriegen die armen Länder. Dabei stehen sie für fünf Milliarden Menschen." Geld und Macht entscheide also über die Versorgung.

Gesundheitszentrum in Gaza-Stadt |

Im UN-Gesundheitszentrum in Gaza-Stadt haben sich erst 8000 Menschen für eine Impfung registrieren lassen.

Kaum jemand will geimpft werden

Die Oberschwester des UN-Gesundheitszentrums in Gaza-Stadt steht vor einer großen Tiefkühltruhe. Darin lagert, worum die Verantwortlichen im Gazastreifen monatelang gekämpft haben: der Impfstoff. Braune Kartons aus Russland bei minus 30 Grad.

Auch der Arzt Imad el Awoor ist gekommen. Er leitet mehrere Gesundheitszentren des UN-Hilfswerks für die Palästinenser, UNRWA. El Awoor würde jetzt gerne über eine erfolgreiche Impfkampagne berichten. Über lange Schlangen vor den Impfstationen. Es wäre die passende Geschichte zum Appell an die Welt, mehr Impfstoff zu schicken.

Aber an dieser Stelle wird es kompliziert. Im Gazastreifen - dem Gebiet, in dem die Verantwortlichen weiterhin vor einer Corona-Katastrophe warnen - will kaum jemand geimpft werden. Viel hätten sie noch nicht verimpft, räumt der Arzt ein.

Nur 8000 Menschen registrieren sich für Impfung

Nur 500 Impfungen haben die UN in den vergangenen zwei Wochen verabreicht. Für eine Impfung haben sich nur 8000 Menschen registriert. Sogar Ärztinnen und Pfleger der UNRWA, berichtet der Chefarzt, seien sehr zurückhaltend.

"Das ist ein Desaster. Und ich frage mich: Warum ist das so?", sagt el Awoor. "Menschen, die Covid-Patienten behandeln, sollten doch mit gutem Beispiel vorangehen. Und sagen: Ja, bitte gebt mir die Impfung. Aber so ist es nicht. Es ist verblüffend."

Wochenmarkt in Beit Lahia, im Norden des Gazastreifens. Es ist leerer als sonst. Die Pandemie hat die ohnehin schlechte Wirtschaftslage weiter verschlechtert. Was auch daran liegt, dass Israel Händler und Arbeiter seit Beginn der Pandemie nicht mehr über die Grenze lässt.

Eine Maske trägt hier kaum jemand. Die sei einfach unbequem, sagt ein Händler. Er sagt, dass er 1000 Schekel pro Monat verdient. 250 Euro. Vielleicht drängt wirtschaftliche Not die Sorge vor der Pandemie in den Hintergrund. Gaza hat eine der jüngsten Bevölkerungen der Welt. Das ist ein Grund, warum sich das Virus zwar stark ausgebreitet hat, die Zahl der Toten jedoch sehr niedrig ist. Das bestätigen auch internationale Organisationen.

Impfdosen des russischen Impfstoffes Sputnik V |

22.000 Dosen des russischen Impfstoffs Sputnik V wurden in den vergangenen Wochen in den Gazastreifen geliefert.

Corona-Mutanten haben Gaza noch nicht erreicht

Aktuell werden nur wenige Neuinfektionen dokumentiert. Das könnte daran liegen, dass die Corona-Mutanten - wegen der weitgehenden Blockade des Küstenstreifens durch Israel und Ägypten - Gaza noch nicht erreicht haben. Israel begründet die Blockade mit der Herrschaft der Hamas, Sicherheitsbedenken und der Corona-Pandemie.

Auch wenn die Infektionszahlen in Gaza aktuell niedrig sind: Die Ärztinnen und Ärzte warnen in der aktuellen Lage vor Leichtsinn. Sie zerbrechen sich den Kopf, wie sie die Bevölkerung aufrütteln können.

Im Westjordanland breitet sich das Virus hingegen wieder stark aus. Krankenhäuser dort sind überlastet. Natürlich könne das auch im Gazastreifen geschehen, sagen Ärzte wie Imad El Awoor: "Der Gazastreifen ist nicht immun gegen das Virus. Er ist Teil der Welt. Natürlich leben wir unter einer Blockade. Aber dennoch gibt es immer wieder Ein- und Ausreisen."

Die Ärztinnen und Ärzte sind davon überzeugt, dass auch im Gazastreifen schnell geimpft werden muss. Deshalb stehen sie im Moment vor gleich zwei Problemen: Sie müssen die Welt davon überzeugen, mehr Impfstoff zu liefern. Und ihre eigene Bevölkerung, diesen Impfstoff dann auch anzunehmen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. März 2021 um 07:48 Uhr.