Der russische Außenminister Sergej Lawrow beim G20-Ministertreffen in Bali nach der Begrüßung durch Indonesiens Außenministerin Retno Marsudi  | EPA

G20-Treffen Lawrow zündelt - und verlässt den Gipfel

Stand: 08.07.2022 12:59 Uhr

Beim G20-Ministertreffen auf Bali ist der befürchtete Eklat eingetreten: Russlands Außenminister Lawrow nutzte die Bühne, um dem Westen "Russophobie" zu unterstellen. Vor der Replik von Außenministerin Baerbock verließ er den Saal.

Von Holger Senzel, ARD-Studio Singapur

Höflich aber zurückhaltend begrüßte Indonesiens Außenministerin Retno Masurdi ihren russischen Amtskollegen - da riefen von hinten mehrere Journalisten durch den Saal: "Wann stoppen Sie den Krieg?". Sergej Lawrow lächelte breit, als habe er nichts gehört, doch der Ton war gesetzt. Wenig später verließ der Russe den Saal, in dem die G20-Außenminister sich versammelt hatten - direkt nach seiner Rede.

Holger Senzel ARD-Studio Singapur

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock hatte sich eigentlich vorgenommen, Lawrow gegenüber "sehr deutliche Worte zu finden, dass wir diesen Bruch des Völkerrechts nicht hinnehmen". Doch dazu kam es nicht mehr.

Lawrow spricht von "fanatischer Russophobie"

Trotzdem muss es ungewöhnlich heftig zugegangen sein für eine solche Ministerrunde. Lawrow jedenfalls schäumte vor Wut. Er sprach von "rasender Kritik" am Krieg in der Ukraine. "Aggressor, Invasoren, Besatzer - wir haben eine Menge Dinge dieser Art heute gehört", so Lawrow.

Und er fuhr fort: "Wir hätten gerne eine nützliche Diskussion geführt, die es uns erlaubt hätte, einige sehr direkte Fragen an unsere westlichen Kollegen zu richten. Aber sie haben keine Antwort." Da sei nur eine "geradezu fanatische Russophobie statt einer gemeinsamen Grundlage für Probleme wie die Weltwirtschaft und Finanzen, für die G20 gegründet wurde."

Bereit, über Getreideexporte zu verhandeln

Zugleich aber betonte der russische Außenminister die Bereitschaft zu Verhandlungen mit der Ukraine und der Türkei über den Export für Getreide. In der Ukraine lagern Millionen Tonnen Weizen, die nicht exportiert werden können, auch weil Russland die Häfen blockiert. In Afrika hat sich deshalb die ohnehin grassierende Hungerkrise verschärft.

Laut Aussage westlicher Offizieller hatte US-Außenminister Antony Blinken dem Russen zugerufen: "Die Ukraine ist nicht Euer Land. Ihr Getreide ist nicht Euer Getreide." "Es waren nicht wir, die alle Kontakte abgebrochen haben, es waren die USA", kommentierte Lawrow kühl. "Wir rennen niemandem hinterher. Wenn Sie nicht reden wollen - es ist ihre Entscheidung."

Gastgeber Indonesien vermeidet klare Position

Überraschend war der Eklat nicht, und eigentlich glaubte von vornherein keiner der Beteiligten an den Erfolg von Indonesiens Bemühungen, zwischen Russland und der Ukraine einerseits und dem Westen unter Führung der USA andererseits zu vermitteln. Der Gastgeber der G20 vermied bislang eine klare Position, um es sich weder mit den USA noch mit Russland zu verderben.

Es gab allerdings heftige Kritik westlicher Nationen an der Teilnahme Lawrows. Dem russischen Außenminister dürfe nicht die Bühne überlassen werden, warnte etwa Bundesaußenministerin Baerbock im Vorfeld. Doch genau das ist geschehen, alle Aufmerksamkeit richtete sich auf den Auftritt Lawrows. Die Frage ist nun: Was heißt das für den G20-Gipfel der Staats- und Regierungschefs im November, ebenfalls auf Bali?

Bislang hatten sich die Gastgeber allen Forderungen westlicher Nationen widersetzt, Russlands Präsidenten Wladimir Putin wieder auszuladen. Quasi als Kompromiss hatte Indonesien angeboten, ebenfalls den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj einzuladen, obwohl die Ukraine nicht Mitglied der G20 ist. Doch womöglich sind die Karten an diesem Freitag auf der sogenannten Insel der Götter auch noch einmal neu gemischt worden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. Juli 2022 um 08:00 Uhr.