Das Shinobugaoka Stadium in Fukushima (Japan) | AFP

Olympia in Japan Fukushimas enttäuschte Hoffnung

Stand: 16.07.2021 16:52 Uhr

Fukushima lebt - das will Japan mit der Ex-Katastrophenregion als Austragungsort Olympischer Wettbewerbe zeigen. Doch Zweifel an den Bedingungen vor Ort bleiben, und ohne Zuschauer wird Fukushima zum Nebenschauplatz.

Von Julia Linn, ARD-Studio Tokio

Vor zehn Jahren haben Erdbeben, Tsunami und Reaktorkatastrophe weite Teile der Präfektur Fukushima zerstört. In gut einer Woche finden hier Olympische Wettkämpfe statt - etwa 60 Kilometer entfernt vom Kernkraftwerk. Die Region hatte große Hoffnung in die Wiederbelebung durch Olympia gesetzt. Softball und Japans Nationalsport Baseball in der Ex-Katastrophenpräfektur, das war vor allem eine politische Entscheidung. Man wollte der Welt zeigen, dass der Wiederaufbau vorangeht. Dass ausländische Zuschauer nicht einreisen dürfen, stand schon länger fest. Nach dem Verbot sämtlicher Olympia-Zuschauer im Großraum Tokio hat aber mittlerweile auch Fukushima nachgezogen - aus Sorge vor steigenden Zahlen in anderen Regionen. Eine Entscheidung, die viele Menschen in der Präfektur trifft.

Masaki Horie, stellvertretender Leiter der Olympia-Abteilung der Präfektur Fukushima, hofft, dass der Wiederaufbau weiter bei den Spielen präsent sei - "auch wenn die Art und Weise anders wird, wir hätten gerne direkt mit den Menschen gesprochen". Dass keine Zuschauer kommen, findet er zwar schade, aber die Corona-Zahlen so niedrig wie möglich zu halten, habe Vorrang. Etwa 100 Freiwillige sollten am Stadion in Fukushima den Zuschauern Frage und Antwort stehen, vor allem den internationalen - was jetzt ihre Aufgabe sein wird und ob sie überhaupt noch eine haben, ist unklar.

"Unser Ruf ist dahin"

Kana Nakashio hat durch den Tsunami ihr Zuhause nördlich von Fukushima verloren. Heute ist sie eine der besten Surferinnen Japans und hat selbst Chancen, an den nächsten Olympischen Spielen in Paris teilzunehmen. Nun tritt die 17-Jährige bei einem japanweiten Surf-Wettkampf in ihrer alten Heimat an, etwa 40 Kilometer vom Kraftwerk entfernt. "Ich hätte mir gewünscht, dass Leute aus aller Welt kommen und sehen, dass wir den Wiederaufbau geschafft haben", sagt Nakashio - vor allem jetzt, wo ihre Sportart erstmals olympisch ist. Jahrelang hatte sie Bedenken, in Fukushima ins Meer zu gehen, heute ist sie sicher: "Wenn wir Surfer nicht ins Wasser gehen, machen es andere auch nicht - die Menschen müssen wissen, dass es sicher ist."

Aber ist das Meer hier wirklich sicher? Ja, sagt Shuji Okuda, Leiter der Wiederaufbaubehörde der Präfektur Fukushima und zuständig für die Rückabwicklung des Kernkraftwerks. An insgesamt 100 Stellen rund ums Kernkraftwerk werde das Wasser permanent kontrolliert, so Okuda. Die Daten sind öffentlich einsehbar und zeigen: Surfen und Schwimmen in Fukushima ist unbedenklich. Das bestätigen auch regierungsunabhängige Wissenschaftler. Yuki Igari, Vorsitzender des Surfvereins Fukushima, sieht jedoch ein anderes Risiko: "Auch wenn sie sagen, dass alles sicher sei, keiner glaubt uns das. Unser Ruf ist dahin und darunter leiden wir." Viele Menschen in der Präfektur hätten die Katastrophe überwunden und seien zur Normalität zurückgekehrt - zumindest die, die nicht alles verloren haben.

Noch immer Geisterstädte in der Zone

Zu diesen Menschen gehört Takumi Ito. Der 30-Jährige kann bis heute nicht in seine Heimatstadt Futaba, auf deren Stadtgebiet auch das Kernkraftwerk liegt, zurückkehren - 7000 Menschen haben hier bis zur Katastrophe gelebt. Wo früher Itos Zuhause war, ist heute nur Schotter geblieben. Sein Baugeschäft durfte er zwar im vergangenen Jahr neueröffnen, um den Wiederaufbau zu unterstützen, aber abends muss Ito die Stadt wieder verlassen - noch ist die Strahlenbelastung hier und in anderen Orten rund um das ehemalige Kernkraftwerk zu hoch.

Als der olympische Fackellauf in Fukushima startete, führte er auch durch Futaba. Zehn Jahre nach der Katastrophe war das ein Meilenstein für die ganze Region, sagt Ito. "Ich hatte gehofft, dass durch Olympia der Wiederaufbau von Fukushima vorangeht. Der Reaktor ist noch immer nicht ganz abgeschaltet. Ich würde mir wünschen, dass das schneller geht."

Aber von der Olympia-Hoffnung ist wenig geblieben. Dass keine Zuschauer bei den Olympischen Spielen erlaubt sind, befürwortet er zwar angesichts der Pandemie - aber für seine Region sei das auch eine verpasste Chance: "Man bekommt keinen echten Eindruck davon, was Fukushima für eine Gegend ist, wenn man nicht hier war. Es gibt viele Dinge, die man nur versteht, wenn man vor Ort ist."

Aber auch an diesem verloren erscheinenden Ort gibt es Hoffnung: Ein kleiner Teil - etwa vier Prozent des Stadtgebiets - sollen im kommenden Frühjahr wieder freigegeben werden. Dann soll die Strahlenbelastung dort niedrig genug sein, damit erste Bewohner zurückkehren dürfen - darunter auch Takumi Ito.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. Mai 2021 um 19:10 Uhr.

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Moderation 16.07.2021 • 21:35 Uhr

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