Satelittenaufnahme des brennenden Reaktors von Fukushima im März 2011 | VIA REUTERS

Japan und die Katastrophe Wut und Wiederaufbau

Stand: 11.03.2021 06:22 Uhr

Ein Seebeben, dann ein Tsunami und schließlich der Super-GAU von Fukushima: Die Katastrophe von 2011 prägt die Region im Osten Japans noch heute, und aus den Köpfen ist sie noch lange nicht verschwunden.

Von Kathrin Erdmann, ARD-Studio Tokio

Schon von weitem kann man es sehen: Das völlig zerstörte, vierstöckige Schulgebäude von Kesenuma direkt an der japanischen Pazifikküste. Seit zwei Jahren ist das Haus ein Museum. Die Trümmer liegen noch genauso an ihrem Platz, wie sie vorgefunden wurden, nachdem sich das Wasser wieder zurückgezogen hatte.   

Kathrin Erdmann ARD-Studio Tokio

Aus den Lautsprechern hallt leise Musik durch die vermüllten Räume. Es zieht, die Fenster hat der Tsunami zerborsten. Im dritten Stock, acht Meter über dem Meeresspiegel, liegt ein Auto kopfüber mitten im Klassenraum.

Bis hierhin kam das Wasser damals, berichtet Museumsführer Toshikatsu Kikuta. Der Pkw sei über ein Betongeländer in das Gebäude geflogen und dort liegengeblieben. Wie durch ein Wunder kam in der Schule niemand ums Leben.

In der ehemaligen Schule in Kesenuma (Japan) liegt ein Auto, das durch den Tsunami in das Gebäude geschleudert wurde | picture alliance/dpa

Als wäre es ein Spielzeug: Die gewaltigen Wellen des Tsunamis schleuderten 2011 ein Auto in die Schule von Kesenuma. Bild: picture alliance/dpa

Verdrängen, arbeiten

Der 59-jährige Kikuta hatte nicht so ein Glück. Er verlor in den Fluten Ehefrau und Eltern. Lange versuchte er, den Verlust zu verdrängen.

In den ersten Monaten, erzählt er, habe er wohl deshalb überlebt, weil er als Verantwortlicher einer Fabrik nur damit beschäftigt gewesen sei, dass so schnell wie möglich der Betrieb wieder aufgenommen werden konnte, damit die Angestellten und deren Familien nicht verhungern mussten. "Das hat mich vielleicht gerettet."

Erst Jahre später sei er in ein tiefes emotionales Loch gefallen. Psychologische Hilfe zu holen, sei ihm nicht in den Sinn gekommen: "Erstens wusste ich nicht, dass es so etwas gibt, und zweitens hätten wir die alle gebraucht. Wenn ich eine solche Hilfe dann nur allein in Anspruch genommen hätte, hätte ich ein schlechtes Gewissen gehabt."

Die Zeit und der Austausch mit seinen Mitbürgern halfen ihm schließlich, wieder zu Kräften zu kommen. Er hat seinen Frieden mit der Vergangenheit gemacht.

Zwei Frauen steigen in Kesenuma (Japan) nach dem Tsunami 2011 über Trümmer in ihrem völlig verwüsteten Ort. | picture alliance / dpa

Die Wassermassen des Tsunamis zerstörten 2011 den Großteil des Ortes Kesenuma - viele Menschen starben. Bild: picture alliance / dpa

Wenn die Wut bleibt

Ganz anders ist das bei Fumiako Konno. Der 70-Jährige ist noch jetzt voller Wut. Er sitzt in der benachbarten Stadt Rikuzentakata und zeigt ein selbstgedrehtes Video von damals. Ein Zipfel eines Hauses ragt noch aus dem Wasser, ein Bild weiter ist es verschwunden.

"Dieser Moment, das alles war wie in einem Traum. Das war so unglaublich, wie in einem Comicfilm, und dieses irreale Gefühl habe ich auch heute noch."

Die Meteorologen hätten die Höhe des Tsunami viel zu niedrig angegeben, sagt Konno. Fast 2000 Menschen starben, nahezu alle Häuser wurden beschädigt.

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Beben, Tsunami, Super-GAU: Die Katastrophe von Fukushima

Heute erhebt sich dort, wo früher ein dichter Kiefernwald und bunte Sonnenschirme am Strand standen, ein zwölfeinhalb Meter hoher Deich. Den Bau habe der Bürgermeister einfach entschieden, erzählt Konno, während er den Deich entlangläuft. Das viele Geld sei vor allem in Beton gesteckt worden, beklagt er sich, profitiert davon hätten nur die Bauriesen in Tokio. Die lokale Bauindustrie habe vielleicht kleinere Aufträge erhalten, aber mehr nicht.

Schutzmauer gegen einen Tsunami in Rikuzentakata (Japan) | AFP

Rikuzentakata hat nun eine hohe Schutzmauer. Das Leben kehrt deshalb nicht automatisch in den Ort zurück. Bild: AFP

Ein Wiederaufbau mit viel Leerstand

Für umgerechnet mehr als eine Milliarde Euro wurde Rikuzentakata wiederaufgebaut. Ein Teil der Menschen wohnt jetzt 50 Meter über dem Meeresspiegel auf einem Berg. Von dem hat man zugleich Erde abgetragen und weit von der Küste entfernt auf neun Meter aufgeschüttet. Auch jetzt, zehn Jahre später, steht noch die Hälfte der Parzellen leer.

Juichiro, der zufällig auch Konno mit Nachnamen heißt, hat hier seine kleine Patisserie eröffnet. In seinem Geschäft duftet es nach Butter. Den Stadtkern gebe es ja erst seit drei Jahren, sagt er. Die neue Stadt sei noch gar nicht geboren. "Aber wir wollen es sozusagen mit in die Hand nehmen, dass die Stadt attraktiver und lebendiger wird. Und mein Geschäft trägt bestimmt auch dazu bei."

Als der Tsunami kam, arbeitete der heute 45-Jährige bei der Freiwilligen Feuerwehr. "Das war eine schwarze Wand, keine Wellen, sondern eine schwarze, solide Mauer, die auf uns zukam." Er verlor in den Fluten seinen Bruder. Das war bitter. Doch er will nicht mehr zurück, sondern nach vorn blicken.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 11. März 2021 um 11:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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SirTaki 11.03.2021 • 14:50 Uhr

Tschernobyl bis Fukushima

Wer bisher noch keine Vorstellung von einem GAU hat, dem ist nicht zu helfen. Wir schalten unsere AKWs ab. Seit 1980 werden diese Forderungen laut, endlich haben sie Gehör gefunden- zumindest in Deutschland. Nun bauen und schalten wir ab. Aber: global, wie nun einmal solche Reaktoreinflüsse, Unfälle und GAUs sind, nützt es nichts, wenn die Nachbarstaaten und andere Erdteile munter aufbauen. Wenn nun noch in den USA Mini-Reaktoren als Zukunft der Energieversorgung angepriesen werden und angeblich sogar AKW Gegner begeistern sollen. Unser Energiehunger ist ungestillt. AKWs auch moderner Machart sind eine Gefahr. Nicht beherrschbar. Wenig kalkulierbar. Man baut einfach darauf, dass alles gut geht. Erdbeben und Terroranschläge sind nie auszuschließen. Wir doktern an Einzellösungen statt AKWs global runterzufahren. Und China und Afrika haben künftig erst recht wenig Interesse, AKWs nicht zu bauen. Mrd. Menschen warten auf Versorgung.