Syrische Flüchtlinge in der Türkei. | AFP
Reportage

Flüchtlinge in der Türkei Wie das Coronavirus die Helfer ausbremst

Stand: 25.08.2020 03:54 Uhr

Rund 3,6 Millionen syrische Flüchtlinge leben in der Türkei. In Zeiten von Corona wird die Arbeit von Hilfsorganisationen immer schwieriger. Die Flüchtlinge sind für die Helfer kaum noch zu erreichen.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Rashad zeigt auf einen Wachturm ein paar hundert Meter entfernt. Man kann sogar die türkischen Grenzsoldaten darauf erkennen. Die braunen trockenen Felder und Wiesen darum herum werden von einer Mauer zerschnitten - die Grenze zwischen Syrien und der Türkei, zwischen Krieg und Frieden. Der alte Mann mit sonnengegerbtem Gesicht und zahlreichen Zahnlücken erzählt:

Die Kinder von meinem Onkel leben drüben, ich habe da in Syrien viele Verwandte. Mein Opa ist in die Türkei gekommen, seine Brüder sind alle in Syrien geblieben. Es hat früher keine Grenze gegeben. Da hat’s auch keinen Unterschied gemacht, ob die Verwandtschaft hier oder da war. Zwischen Türkei und Syrien hat‘s keine Grenze gegeben.
Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Rahsad wohnt mit seinen türkischen Verwandten direkt an der syrischen Grenze auf dem eigenen Gehöft. Sie haben die kurdische Syrerin Fethiye und ihren Sohn mit Familie aufgenommen. Zu siebt hausen die in einer Baracke auf dem Gelände. Fethiye ist eine stolze ältere Frau mit hellgrauen Augen und tiefen Falten.

Ich liebe Syrien. Jeden Tag schaue ich rüber nach Amude. Mein Dorf ist gleich da drüben, so nah. Aber ist gibt keinen Weg mehr dorthin. Alle Straße sind gesperrt. Vor Corona konnte ich zumindest an den Feiertagen noch mal rüber. Das ist vorbei. Ich hab‘ Angst, dass vor den türkischen Soldaten, dass wenn ich gehe, sie mich umringen.

Das Ziel: Deutschland

Fethiye trägt lila-gemusterte weite Gewänder und ein Tuch um den Kopf gebunden. Mit einem Messer ritzt sie ein Paket auf. Ein Mitarbeiter des Roten Halbmondes von Mardin, der nächsten Stadt hier, hat es vorbeigebracht. Sie wühlt darin herum, findet Shampoo, Seife, Zahnbürsten und natürlich Desinfektionsmittel und Masken.

Manchmal können ihr Sohn und sie auf den Feldern hier arbeiten, Erdbeeren ernten oder Lavendel pflanzen und so ein bisschen Geld verdienen. Ihre anderen Kinder leben verstreut erzählt sie, eine Tochter in Syrien, eine anderen in Schweden, ein weiterer Sohn in Deutschland. Da will sie auch hin. Einen Antrag hat sie gestellt, aber bis jetzt keine Antwort bekommen.

EU-Gelder helfen Helfern

Der Rote Halbmond profitiert von EU-Geldern. Davon liefern seine Mitarbeiter unter anderem Hygienepakete an die Flüchtlinge und können so auch gleich nach ihnen sehen. Viele leben in der Region um Mardin im Südosten der Türkei auf dem Land, teils in selbstgezimmerten Baracken zwischen Feldern ohne Zufahrtsstraße, erzählt Semra Taskiran. Sie leitet das Zentrum des Roten Halbmondes in Mardin:

Sie kümmern sich um die Felder, sie brauchen nichts für Wasser und Strom bezahlen, auch keine Miete. Nur so geht das überhaupt für sie. Aber manchmal bezahlt sie der Bauer nicht. Der muss aber nicht mit einer Strafe rechnen.

Manche Flüchtlinge hatten vor Corona auch einen Job in einer der Fabriken in der Nähe. Aber die seien jetzt zu, die Syrer damit arbeitslos. Die Provinz gehört zu den wirtschaftsschwachen in der Türkei. Sie hat 800.000 Einwohner, dazu kommen 90.000 Syrer. Mehr als 100 Flüchtlinge am Tag haben sie hier vor Corona im Zentrum betreut.

Räume wie leer gefegt

Jetzt sind die Räume leer: das Computer-Zimmer, das Klassenzimmer für Türkisch-Unterricht, das Musikzimmer. Das Spielzimmer für die Kinder. Bälle, Puppen und Bastelsachen liegen sauber aufgeräumt in den Regalen. Semra Taskiran leitet das Zentrum seit zwei Jahren. Ihr geht das alles nah:

Das Lächeln der Kinder auf ihrem Gesicht, ein kleines Lächeln - das ist das wichtigste auf der Welt. Ich vermisse sie so sehr.

Sie versuchen jetzt Online-Alternativen anzubieten, ein schwacher Ersatz.

Masken-Produktion statt Schneider-Kurse

In einem Zimmer wird allerdings gearbeitet im Nähzimmer. Eigentlich sollten hier Schneider-Kurse stattfinden. Aber das Zentrum hat auf Produktion umgestellt. Batou sitzt im weißen Schutzmantel mit Maske und Plastikhandschuhen an der Nähmaschine. Quasi im Akkord näht sie Masken. Semra Taskiran versucht, so etwas zusätzliches Geld in die Kassen zu bekommen. Und die 35-jährige Syrerin Batou ist froh, etwas zu verdienen:

Das Leben ist schwierig, besonders unter Corona-Bedingungen. Es gibt keinen Unterricht mehr. Ich mach mir Sorgen, dass meine Kinder nichts mehr lernen. Mein Mann kann kaum arbeiten, weil er taub ist und auch seine Hände nicht mehr richtig spürt. Ich fürchte, meine Kinder müssen die Schule verlassen und arbeiten gehen.

Batou will eine bessere Zukunft für ihre sieben Kinder. Ihre älteste Tochter ist 16. Sie will Psychiaterin werden, um irgendwann den Menschen in Syrien helfen zu können, erzählt die schüchterne Frau, und ein Ausdruck von Stolz huscht über ihr Gesicht. Immer wieder wachen sie und auch ihre Kinder mit Albträumen auf.

Wir haben unser Haus in Syrien verlassen, nachdem es eine Granate getroffen hat. Meine Kinder waren in Panik. Und mein Sohn Yussef hat seitdem psychische Probleme. Die Situation ist sehr schwierig.
Syrerin näht Masken an der Nähmaschine | ARD-ISTANBUL

Mit dem Nähen von Schutzmasken versuchen syrische Flüchtlinge, ein wenig Geld dazuzuverdienen. Bild: ARD-ISTANBUL

Legal nach Europa oder Kanada

Dazu der finanzielle Druck. Sie will nach Europa oder Kanada - aber auf legalem Weg. Als sie schwanger mit der kleinsten Tochter war, 2015, da haben sie es mal über einen Schmuggler versucht:

Dann starb der Schmuggler aber, und ich war irgendwie erleichtert. Ich hab‘ mir damals gesagt, das war ein Signal Gottes. Ich träumte davon, in ein europäisches Land zu gehen. Aber ich fürchte so sehr, dass meine Kinder in den Tod getrieben werden. Ich habe sie nicht vor dem Tod in Syrien gerettet, um sie im Meer ertrinken zu lassen.

Gleich am Eingang des Zentrums des Roten Halbmondes in Mardin steht ein Wunschbaum aus Plastik. In kleinen Umschlägen stecken Briefchen vor allem von Kindern. Semra Taskiran zieht einige raus. Die Kinder haben teils auf Arabisch, teils auf Türkisch geschrieben: "Ich will nach Europa."

Schulen sollen bald wieder öffnen

Ein anderes schreibt, es möchte wieder zur Schule gehen. Dieser Wunsch kann vielleicht schon im September wahr werden. Dann sollen die Schulen wieder öffnen. Flüchtlingskinder gehen in der Türkei auf die selben Schulen wie Einheimische. Aber die Leiterin des Zentrums weiß auch, viele der Wünsche wird sie nicht erfüllen können. Das war schon vor Corona schwer, jetzt scheint es oft unmöglich:

Wirklich - ich weiß gar nicht, wie sie über die Runden kommen. Sie rufen uns an und bitten um Hilfe. Wir versuchen ihnen dann zu zeigen, wir sind für Euch da, wir wissen, wie es Euch geht. Wir geben unser Bestes, um sie zu erreichen. Aber das reicht einfach alles nicht.

Ganz kurz lässt die junge Frau in der Roten Weste mit dem Halbmond drauf den Kopf hängen. Dann erzählt sie von neuen Projekten, Online-Sprachkursen und Lesestunden - draußen. Die Flüchtlinge während Corona sich selbst zu überlassen, das kommt für sie nicht in Frage.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 25. August 2020 um 07:46 Uhr.