Russlands Präsident Putin empfängt seinen türkischen Amtskollegen Erdogan 2019 im Kreml. | dpa

Erdogan bei Putin Freundschaftsanfrage mit Fragezeichen

Stand: 28.09.2021 19:50 Uhr

Der türkische Präsident Erdogan fühlt sich von US-Präsident Biden geringgeschätzt. Vor einem Treffen mit Russlands Staatschef Putin redet er von Annäherung an Moskau - doch Putin und ihn trennt viel.

Von Christian Buttkereit, ARD-Studio Istanbul

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan besucht seinen russischen Amtskollegen Wladimir Putin in Sotschi am Schwarzen Meer, und es gibt viel zu bereden und zu klären. Auf der Tagesordnung stehen Themen wie Syrien, wo Russland zunehmenden Druck auf die Türkei ausübt, oder auch das Verhältnis zur Ukraine, die von der Türkei mit Kampfdrohnen beliefert wird - zum Ärger Russlands. Allenfalls die Tatsache, dass Recep Tayyip Erdogan gerade seine Enttäuschung über US-Präsident Joe Biden medienwirksam vor sich herträgt, könnte die Stimmung zwischen den beiden Machthabern auflockern.

Christian Buttkereit ARD-Studio Istanbul

Was als eintägiger Arbeitsbesuch geplant ist, dürfte tatsächlich alles andere als ein erholsamer Tag im russischen Badeort Sotschi werden. Und dazu einer in angespannter Atmosphäre. Wladimir Putin und Erdogan sind sich längst nicht mehr so nah wie in der Vergangenheit.

Putin empfängt Erdogan im Jahr 2017 in Sotschi (Russland) zu Gesprächen über den Syrienkonflikt. | picture alliance / Yuri Kochetkov/POOL European Pressphoto Agency/AP/dpa

Sotschi ist für Erdogan schneller zu erreichen als Moskau - doch viele Treffen mit Putin haben an den Interessengegensätzen wenig geändert. Bild: picture alliance / Yuri Kochetkov/POOL European Pressphoto Agency/AP/dpa

Streitpunkt eins: Syrien

Die Gründe dafür finden sich rund um die Türkei: in Syrien, dem Kaukasus und der Ukraine. Erdogans Sprecher Ibrahim Kalin mahnte Ende der vergangenen Woche vor Journalisten in Istanbul an, die internationale Gemeinschaft müsse mehr tun, um den Krieg in Syrien zu beenden, eine neue Migrationswelle zu vermeiden und Flüchtlingen die Rückkehr zu ermöglichen.

Kaum war das ausgesprochen, bombardierte Russland Stellungen von pro-türkischen Milizen, die immer noch versuchen, das syrische Regime und die mit ihm verbündeten Russen daran zu hindern, mit Idlib die letzte Rebellenfestung zurückzuerobern. Letzteres dürfte nach dieser Machtdemonstration Moskaus nur eine Frage der Zeit sein. Danach läuft die Türkei Gefahr, vollständig aus Syrien verdrängt zu werden.

Streitpunkt zwei: der Kaukasus

Russlands harter Kurs gegen die Türkei in Syrien dürfte auch mit dem türkischen Gebaren im Kaukasus zusammenhängen. Gegen das von Ankara aufgerüstete Aserbaidschan hatten die von Russland unterstützen Armenier im Krieg um Bergkarabach keine Chance. Eine Demütigung auch für Putin.

Trunken von diesem Erfolg machte sich Erdogan Putin gleich darauf erneut zum Gegner, indem er die Ukraine im Streit mit Russland nicht nur mit Worten, sondern auch mit einem Kampfdrohnen-Deal unterstützte. Putin soll vor Wut geschäumt haben.

Kein Treffen mit Biden

Ausgerechnet US-Präsident Biden könnte nun dafür gesorgt haben, dass Erdogan seien konfrontativen Kurs verlässt und wieder auf Putin zugeht. Zumindest versucht die türkische Regierung diesen Anschein zu erwecken, indem sich Erdogan in diesen Tagen lauthals darüber beschwert, dass Biden ihn im Rahmen der UN-Vollversammlung in der vergangenen Woche nicht zu einem Vier-Augen-Gespräch empfangen hat.

Auch wenn sich Biden mit keinem anderen Staatschef allein traf, wäre eine Sonderbehandlung der Türkei angemessen gewesen, meinte Erdogan im US-Fernsehen; allein wegen der Rolle der Türkei in Afghanistan. Eine Rolle, die Washington offenbar doch nicht so wichtig ist.

Biden und Erdogan begrüßen sich beim NATO-Gipfel in Brüssel (Belgien) im Juni 2021 | AFP

Doch, es gab schon Begegnungen zwischen Erdogan und Biden in diesem Jahr. Doch der türkische Präsident hätte sich auch in New York ein Zweier-Treffen gewünscht und ist nun verschnupft. Bild: AFP

Noch mehr Abwehrsysteme aus Russland?

Wenn der Eindruck entsteht, die Türkei werde wieder einmal in die Arme Russlands getrieben, ist die Rechnung der Kommunikationsstrategen in Ankara aufgegangen. Das weckt nicht nur Erinnerungen an den Kauf des russischen Raketenabwehrsystems S400 durch die Türkei vor zwei Jahren, sondern es wirft auch die Frage auf, wie es um die Lieferung einer zweiten Tranche steht.

Erdogans Antwort ist klar: Wenn die Türkei dies wolle, könne es niemand verhindern. Mit dem entsprechenden Auftrag hätte Erdogan wenigstens etwas in der Hand bei seiner Reise nach Sotschi. Doch die Reaktion aus Washington kam prompt und deutlich: in Form neuer Sanktionsandrohungen.

Im Fall der ersten Lieferung wurde eine entsprechende Drohung in die Tat umgesetzt, indem die USA die Türkei aus dem Programm des neuen Kampfjets F-35 ausschlossen, obwohl Ankara bereits 1,4 Milliarden Dollar investiert hatte. Nun könnte es in Sotschi auch um den Kauf von Kampfflugzeugen "Made in Russia" gehen.

Teile des russischen Raketenabwehrsystems S-400 werden 2019 auf dem türkischen Luftwaffenstützpunkt Mürted entladen. | picture alliance/dpa/Turkish Defense Ministry/AP

Der Kauf des russischen Raketenabwehrsytems S-400 durch die Türkei sorgte für massive Verärgerung in der NATO. Bild: picture alliance/dpa/Turkish Defense Ministry/AP

Ein Problem für die NATO

Macht Putin Erdogan ein Angebot, bei dem er nicht nein sagen kann, wäre die nächste Krise zwischen der Türkei und anderen NATO-Verbündeten programmiert. Genau das könnte Biden aber verhindern. Beim G20-Gipfel in Rom Ende Oktober soll es zu einem Treffen Erdogan-Biden kommen.

Aber auch dann dürften die sinkenden Temperaturen in der Türkei Putins Möglichkeiten steigern, Druck auf seinen Gast auszuüben. Im türkischen Fernsehen trat ein Politologe auf, der ausgerechnet hatte, dass die Türkei in diesem Winter 18 Milliarden Kubikmeter mehr Erdgas benötigt als im vergangenen Corona-Winter. Gekauft wird das Gas außer vom befreundeten Aserbaidschan vor allem: von Russland.

Somit dürfte Erdogans Flug nach Sotschi einem Gang nach Canossa gleichen.